Ökonom Oggier will Gesundheits- statt Kostenziele

Willy Oggier
Willy Oggier

Ärzte, Spitäler, Medikamentenhersteller und Patientenorganisationen wehren sich gegen die einseitige Fokussierung auf die Kosten in der Gesundheitspolitik.

 

Qualität vor Kosten. Gesundheitsziele statt Kostenziele. Dies ist auf einen kurzen Nenner gebracht die Forderung von Allianz Q, einer von Gesundheitsökonom Willy Oggier koordinierten Arbeitsgruppe von Akteuren im Gesundheitswesen. Mit dabei sind Vertreter von Leistungserbringern wie Ärzten, Spitälern, Medikamentenherstellern und Patientenorganisationen. Nicht überraschend ist, dass die Krankenkassen in dieser Gruppe nicht vertreten sind. Bei ihnen stehen die Kosten im Vordergrund.

Doch wenn man Gesundheitsziele formulieren will, müsste man zuerst einmal auch über den Gesundheitszustand der Schweizer Bevölkerung Bescheid wissen. Hier liegt jedoch einiges im Argen, wie gestern an einer Medienorientierung in Bern zu hören war. «Wir wissen nicht einmal, wie viele Diabetiker es in der Schweiz gibt», sagte Willy Oggier (Kasten). Mit der Formulierung von Gesundheitszielen könnte eine integrierte Versorgung – genannt Managed Care – das Kostenwachstum dämpfen, meint Oggier.

 

Bei der Gründung vor einem Jahr standen bei Allianz Q mehrere Ziele im Vordergrund. Eines davon wurde bereits erreicht: der Abschuss der von Ex-Bundesrat Pascal Couchepin vorgeschlagenen Kostensenkungsmassnahmen. Sie wurden in der Herbstsession im Parlament versenkt.

 

Im Weiteren macht sich Allianz Q für einen verfeinerten Risikoausgleich per 2012 stark. Bei einem funktionierenden Risikoausgleich entfällt für die Kassen der Anreiz, gesunden Risiken nachzurennen. Je mehr Gesunde sie im Versichertenbestand haben, desto grösser ist der Obolus in den Ausgleichsfonds. Auf 2012 ist bereits eine verfeinerte Version des Risikoausgleichs beschlossen. Oggier genügt das nicht. Neu müsse auch der Krankheitszustand der Versicherten, der Morbiditätsfaktor, berücksichtigt werden. «Die Forderung nach der Verfeinerung des Risikoausgleichs ist sowohl im Nationalrat als auch im Ständerat auf guten Wegen, aber noch nicht definitiv realisiert», erklärt Oggier, «wir bleiben dran.»

 

INFOTHEK

Erst dachte man, der Anteil der Diabetiker an der Gesamtbevölkerung in der Schweiz dürfte etwa gleich hoch sein wie in den Niederlanden. Damit wären in der Schweiz rund 500'000 Personen zuckerkrank. Nun sind Experten zur Einsicht gelangt, das Krankheitsbild des Schweizers gleiche wohl eher jenem des Deutschen. Mit der

Konsequenz, dass sich plötzlich rund 750'000 Diabetiker in der Schweiz tummeln, 50 Prozent mehr. Mit Statistiken kann man alles beweisen – auch das Gegenteil.

 

Erschienen in der BZ am 27. November 2010


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Claude Chatelain