Persilschein für Valiant

Daniel Senn, KPMG, Kurt Streit, VR-Präsident Valiant, Michael Hobmeier, CEO Valiant.
Daniel Senn, KPMG, Kurt Streit, VR-Präsident Valiant, Michael Hobmeier, CEO Valiant.

Die Wirtschaftsprüfungsfirma KPMG hat zusammen mit der Valiant-Spitze das Ergebnis ihrer Überprüfung des Aktienhandels bekannt gegeben. Alles paletti, hiess es gestern. Die Anleger wollen das noch nicht so recht glauben.

Nach langen stabilen Jahren hat die Valiant-Bank seit mitte Oktober turbulente Zeiten hinter sich. Nicht interne Turbulenzen, wie sie derzeit beim Modehaus Charles Vögele zu beobachten sind. Vielmehr sind es externe Turbulenzen, ausgelöst durch grosse Verkaufsaufträge an der Börse, die den ehedem so stabilen Aktienkurs in die Tiefe sausen liessen. Gestern hat nun die Valiant-Spitze zu einer Medienkonferenz im Berner Bellevue geladen. Mit dabei war auch Daniel Senn von KPMG Zürich. Die Wirtschaftsprüfungsfirma hatte den Auftrag gefasst, den Aktienhandel der vergangenen zwei Jahre unter die Lupe zu nehmen.

 

Zu überprüfen war insbesondere die Rolle der Valiant-Bank. Der Befund von KPMG: «Wir konnten keine Kursmanipulationen feststellen, die gegen das Strafgesetzbuch oder die Marktverhaltensregeln der Finanzmarktaufsicht verstossen», sagte Daniel Senn von KPMG Zürich. Auch Scheingeschäfte seien keine festgestellt worden.

 

Handel mit eigenen Aktien

 

Am 29. Oktober 2010 hatte die NZZ geschrieben, einiges deute darauf hin, «dass die Bank bei vielen Transaktionen gleichzeitig als Käufer und Verkäufer auftrat und gleichsam mit sich selbst handelte». Wie weit das nun unrechtmässig ist, bleibt auch nach dem gestrigen Mediengespräch unklar. Denn die Valiant Bank ist selber via ihre Partnerbank Lombard Odier als Market Maker tätig, was laut Senn durchaus der Norm entspricht. Als Marktmacher stellt die Bank sicher, dass der Handel eigener Aktien mit genügend Liquidität versehen ist, indem sie regelmässig Geld- und Briefkurse stellt und damit temporäre Ungleichgewichte zwischen Angebot und Nachfrage ausgleicht. Insbesondere bei Aktien mit einem geringen Marktvolumen ist ein solches Market Making vonnöten. Das Market Making führt dazu, dass rund 74 Prozent des total gehandelten Volumens in Valiant-Aktien über Valiant selber abgewickelt werden.

 

Streit gesteht Fehler ein

 

VR-Präsident Kurt Streit gestand gestern auch Fehler ein. Er sagte, es sei der Bank nicht gelungen, das Mitarbeiterbeteiligungsprogramm so zu erklären, dass es von den Beobachtern nachvollziehbar sei. Ebenfalls sei es Valiant nicht gelungen, das Aktienrückkaufsprogramm so zu erklären, dass es von den Beobachtern verstanden wird. «Wenn man etwas nicht nachvollziehen kann, leidet die Glaubwürdigkeit.»

 

Offen bleibt, ob man solche Massnahmen überhaupt nachvollziehen kann. Valiant setzte das Optionsprogramm in Umlauf, als solche verpönt und von anderen Banken nicht mehr gestartet wurden. Und das Aktienrückkaufsprogramm lief zu einer Zeit, als die Finanzmarktkrise das Fundament renommierter Banken erschütterte und zu verschärften Eigenmittelvorschriften führte. Somit stand das Rückkaufsprogramm der Valiant Holding ziemlich quer in der Bankenlandschaft, auch wenn es vor dem Crash beschlossen worden war. Laut Streit wird die Valiant Holding die verschärften Eigenmittelvorschriften trotz dem Rückkauf der eigenen Aktien erfüllen können.

 

Im Weiteren erklärte Kurt Streit, die Valiant werde künftig auf Optionsprogramme verzichten. Die Vergütung des Verwaltungsrats orientiere sich an der Dividende. Will heissen, dass der Verwaltungsrat gratis arbeitet, wenn den Aktionären keine Dividende ausgerichtet wird. Und vor dem Hintergrund des Aktienabsturzes sagte Kurt Streit wörtlich: «Die heutige Valiant-Bank ist die gleiche Valiant-Bank wie vor dem 18. Oktober.» 

Chronologie

Was bisher geschah:

Montag, 18. Oktober: Grössere Verkaufsaufträge lösen überdurchschnittliche Kursverluste aus.

 

Dienstag, 19. Oktober: Die Bank Vontobel publiziert eine kritische Studie und senkt das Kursziel von 200 auf 160 Franken.

 

Freitag, 22. Oktober: Ende Woche muss ein Kursrückgang von 22 Prozent innerhalb einer Woche festgestellt werden.

 

Montag, 25. Oktober: Valiant beauftragt KPMG mit der aufsichtsrechtlichen Beurteilung des Aktienhandels, des Mitarbeiterbeteiligungs-programms und des Aktienrückkaufs.

 

Mittwoch, 27. Oktober: Valiant bittet die Finanzmarktaufsicht um Untersuchung des Aktienhandels. In der Folge konnte sich der Aktienkurs zwischen 150 und 160 Franken stabilisieren, nicht zuletzt auch dank Stützungskäufe durch Management und Verwaltungsrat.

 

Dienstag, 9. November: Die Valiant-Aktie wird von einer neuen Verkaufswelle erfasst und verliert an zwei Börsentagen 8,4 Prozent. Seit Mitte Oktober haben die Titel der Berner Regionalbank 30 Prozent an Wert verloren.

 

Donnerstag, 11. November: KPMG erklärt an einem Mediengespräch, alles sei rechtens verlaufen. 


KOMMENTAR: Das Vertrauen verloren

Wenn der Aktienkurs einer Bank über viele Jahre auf hohem Niveau stabil bleibt, zwei Finanzkrisen ohne Kurskorrektur unbeschadet übersteht und dann plötzlich innert einer Woche um 22 Prozent einbricht, dann stimmt etwas nicht.

 

Was nicht stimmt, hätte KPMG herausfinden sollen. Doch die Treuhand- und Beratungsfirma hat nichts herausgefunden. Alles sei rechtens. Es hätten keine Kursmanipulationen stattgefunden. Womit aber weiterhin unklar bleibt, wie es zu dieser Kursentwicklung gekommen ist. Den Medienvertretern erging es gestern wie Goethes Faust: «Da steh ich nun, ich armer Tor! Und bin so klug als wie zuvor.»

Kurt Streit, Verwaltungsratspräsident der Valiant Holding, gestand zwar gestern Fehler ein. Die Fehler betreffen jedoch nur die Kommunikation. Und sie können in keiner Weise erklären, weshalb der Kurs über all die Jahre auf derart hohem Niveau verharren konnte.

 

Das Einzige, was man heute in der Causa Valiant mit Sicherheit sagen kann: Die Anleger haben das Vertrauen in die Bank verloren. Und sie haben das Vertrauen auch gestern nicht wieder zurückgewonnen, nachdem KPMG seinem Auftraggeber den Persilschein ausgestellt hatte. Der Kurs verlor gestern weitere 0,3 Prozent.

 

Erschienen in der BZ am 12. November 2010


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Claude Chatelain