Charles Vögele dementiert die Fakten

Nicht nur in den Berner Filialen werden Filialleiter und ältere Verkäuferinnen entlassen. Die von Deutschen verordnete Verjüngungskur ist schweizweit im Gang.

«Seit einiger Zeit laufen bei Vögele Schweiz sonderbare Dinge ab. Es ist und wird meines Wissens zu einer Welle von Entlassungen kommen. Speziell betroffen sind die beiden Filialen Spitalgasse und Marktgasse.» Diese Meldung erreichte diese Zeitung am 24. September 2010 in einem anonymen Mail. Darauf angesprochen erklärte CEO André Maeder: Das entspreche nicht der Wahrheit. Es komme zu keinen Entlassungen. Beim anonymen Schreiber handle es sich um eine Person, die der Firma Charles Vögele schaden wolle.

 

Seit gestern weiss man, dass der operative Chef des börsenkotierten Modehauses nicht die Wahrheit gesagt hat: Der Regionalleiter Bern musste gehen; die beiden Leiter der Filialen Marktgasse und Spitalgasse mussten ebenfalls gehen. Und obendrein wurde auch den älteren und langjährigen Verkäuferinnen gekündigt, um sie durch junge und vermutlich billigere Arbeitskräfte zu ersetzen (Ausgabe von gestern).

 

Grosses Aufräumen

Wie sich inzwischen herausgestellt hat, ist Bern kein Sonderfall. Auch in anderen Vögele-Filialen gibt es Entlassungen. Deutsche Manager haben neuerdings das Sagen und betreiben eine Flurbereinigung. So mussten auch die Leiterinnen und Leiter der Filialen in Bülach, Emmen, Ibach, Luzern, Oftringen, Volketswil und Zürich gehen. Und jene Filial- und Regionenleiter, die noch im Amt sind, fürchten um ihren Job.

 

Dass die Entlassungen bisher noch nicht an die Öffentlichkeit gelangt sind, erklärt ein geschasster Filialleiter mit der Angst der betroffenen Mitarbeiter. Sie fürchten um ihre Abfindung, sollten sie sich an die Medien wenden.

 

Auch Daniel Bärlocher, bis Ende Oktober Kommunikationschef von Charles Vögele, gibt weder zu den Geschehnissen noch zu seinem Abgang Ende Oktober einen Kommentar ab. «Ich darf gar nichts mehr zu meinem früheren Arbeitgeber sagen», so Bärlocher lakonisch. Er sei aber von sich aus gegangen.

 

Überforderte Kommunikation

 

Diese Zeitung wollte von Vögele-Boss André Maeder wissen, was er zu den Vorfällen in Bern zu sagen hat. Es wäre auch interessant, zu erfahren, ob Vögele eine Verjüngungsstrategie verfolge; ob auch anderswo in der Schweiz Leute entlassen würden und weshalb den entlassenen älteren Verkäuferinnen keine Alternativangebote unterbreitet würden.

Die Mediensprecherin versprach, die Fragen im Verlauf des Nachmittags zu beantworten. Schliesslich wurde es halb sieben, bis sich ein überforderter Marketingchef Rudolf Scheben zu einer Antwort durchzuringen vermochte, ohne auf die gestellten Fragen einzugehen. Er dementierte die Verjüngungsstrategie und stellte schon fast zynisch fest: «Neben dem hervorragenden Service für unsere Kunden liegen der Charles-Vögele-Gruppe insbesondere die Mitarbeitenden am Herzen.»

 

Weiter sagte Scheben: «Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir zum Schutz der Mitarbeitenden keine detaillierten persönlichen Angaben veröffentlichen können.» Er sagte dies, obschon ihm diese Zeitung die entsprechende Frage gar nicht gestellt hat. Gestern war dann Vögeles Verkaufsleiter in den Berner Filialen und gab die Devise heraus, vorläufig keine Kündigungen mehr auszusprechen. Immerhin.

 

Erschienen in der BZ am 12. November 2010

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Claude Chatelain