Ivo Furrer: "Unsere Kunden verstehen das"

Ivo Furrer: "Im Schnitt werden die Renten um 11 Prozent gekürzt".
Ivo Furrer: "Im Schnitt werden die Renten um 11 Prozent gekürzt".

«Swiss Life befindet sich in einer sehr stabilen Situation», sagt Ivo Furrer, CEO von Swiss Life Schweiz. Und begründet, weshalb der Marktführer trotzdem die Leibrenten im Schnitt um 11 Prozent kürzen muss.

 

Herr Furrer, können Sie Ihren Kunden noch in die Augen schauen?

Ivo Furrer: Selbstverständlich. Wir haben gute Gründe, weshalb wir die Überschüsse auf laufenden Renten kürzen müssen.

 

Kann man eine solche Rentenkürzung wirklich begründen?

Ja. Zum einen wird nicht die garantierte Rente, sondern nur der Überschuss gekürzt. Dieser ist nicht garantiert, was wir in unseren Unterlagen und Beratungsgesprächen auch klar zum Ausdruck bringen. Zum andern verharren die Zinssätze auf historisch tiefem Niveau, was uns dazu zwingt, die Renten im heutigen Zeitpunkt zu kürzen.

 

Swiss Life hat noch nie laufende Renten gekürzt. Rentnerinnen und Rentner können also guten Glaubens davon ausgehen, dass sie auf die Rente zählen können, die sie bislang erhalten haben.

Ich bin überzeugt, dass der Kunde begreifen wird, dass wir im heutigen Zinsumfeld die Überschüsse anpassen müssen. Die grosse Mehrheit der betroffenen Verträge basiert auf einem technischen Zins zwischen 2,5 und 3,5 Prozent. Mit dem technischen Zins wird die garantierte Rente berechnet. Wenn wir Überschüsse zahlen, müssen wir also eine Rendite erzielen, die über dem technischen Zins zu liegen kommt. Im heutigen Zinsumfeld ist das mit sicheren, langfristigen Anlagen zunehmend unrealistisch. Wird heute eine Rentenversicherung abgeschlossen, so beträgt der technische Zins 1,75 Prozent.

 

Teilen Sie die Meinung, dass es für Rentnerinnen und Rentner sehr hart sein kann, Ende Monat 200 Franken weniger zu erhalten?

Bei gewissen Kunden sind 200 Franken pro Monat sehr viel Geld. Das will ich nicht bestreiten. Nichtsdestotrotz müssen wir dafür sorgen, dass die garantierten Renten auch in Zukunft bezahlt werden können.

 

Sie sagten vorhin, Sie müssten die Renten kürzen. Geht es Swiss Life so schlecht, dass Sie Renten kürzen müssen?

Swiss Life befindet sich in einer sehr stabilen Situation. Mit dieser Massnahme sorgen wir dafür, dass dies so bleibt. Dies insbesondere auch im Interesse unserer Kunden.

 

Der Rentner wird es nicht verstehen, weshalb man ihm die Rente kürzt, wenn Swiss Life auf der anderen Seite satte Gewinne für die Aktionäre ausweist.

Eigentlich hätten wir die laufenden Renten aus rein ökonomischer Sicht schon vor fünf Jahren kürzen müssen, so wie das die Konkurrenz auch gemacht hat. Swiss Life ist der einzige Versicherer in der Schweiz, der bis heute laufende Renten noch nie gekürzt hat. Auf die Länge können wir aber die Überschüsse, die zu Zeiten höherer Zinsen kalkuliert wurden, nicht mehr bezahlen. Mit den entsprechenden Anpassungen wollen wir die Langfristigkeit des Geschäfts sicherstellen.

 

Wie viele Franken sparen Sie jetzt mit dieser Übung?

Im Schnitt werden die Renten um 11 Prozent gekürzt.

 

Und in Franken?

Diese Zahl geben wir nicht bekannt.

 

Ihr Vorgänger machte Werbung mit der Tatsache, dass Swiss Life als einziger Versicherer der Schweiz noch nie laufende Renten gekürzt hat. Vergeben Sie nicht ein Verkaufsargument?

Ich spreche nicht für meinen Vorgänger. Wir mussten davon ausgehen, dass wir die Überschüsse früher oder später kürzen müssen, wenn die Zinsen tief bleiben oder sogar noch weiter sinken werden, wie das nun passiert ist.

 

Überschüsse werden häufig als Lockvogel missbraucht. Müssten die Lebensversicherer nicht generell die Überschusspolitik überdenken?

Wir machen keine Lockvogelpolitik. Wir kalkulieren die Überschüsse seriös. So finde ich es richtig, dass man dem Kunden sagt, wie hoch die Überschüsse in etwa ausfallen könnten.

 

Sie könnten sagen, bei guten Finanzergebnissen würden noch Überschussanteile gutgeschrieben. Wenn Sie aber die geschätzten Überschüsse beziffern, schüren Sie die Hoffnung, dass man diese auch erhalten wird.

Die Überschüsse werden in der ganzen Industrie beziffert. Und in allen Dokumenten wird betont, dass sie nicht garantiert sind. Der Kunde hat das Recht zu wissen, mit welchen Überschüssen er in etwa rechnen kann. Und vergessen Sie nicht: Die Überschüsse auf laufenden Renten werden erstmals gekürzt. All die vergangenen Jahre konnten unsere Kunden davon profitieren, dass wir trotz tiefer Zinsen die Überschüsse erst jetzt und nicht schon vor fünf Jahren gekürzt haben.

 

Erschienen in der BZ am 4. November 2010

Claude Chatelain