25'000 erhalten weniger Rente

Schlechte Nachricht für 25 000 Rentnerinnen und Rentner. Ihnen wird die Rente gekürzt. Verantwortlich für diese betrübliche Botschaft: die Lebensversicherungsgesellschaft Swiss Life, ehemals Rentenanstalt.

Wegen der anhaltend tiefen Zinsen muss Swiss Life die Renten von 25 000 Rentnerinnen und Rentner kürzen. Der Marktführer bricht damit ein Tabu. Noch nie in seiner Geschichte musste er laufende Renten kürzen.

 

Die Rede ist hier von den sogenannten Leibrenten, nicht etwa von den Pensionskassenrenten. Bei Leibrenten zahlt man der Versicherung periodisch oder auf einen Schlag eine Prämie und erhält dafür bis ans Lebensende eine Rente ausbezahlt. Solche Renten kommen mit einem garantierten Teil und einem nicht garantierten Überschuss daher. Swiss Life kürzt oder streicht nur die Überschüsse. Die garantierte Rente bleibt, wie sie ist.

 

Kürzung um 11 Prozent

 

Im Schnitt beträgt die Kürzung 11 Prozent, in wenigen Extremfällen gar 30 Prozent. Und gekürzt werden vor allem jene Renten, die zu einer Zeit abgeschlossen wurden, als die Versicherer noch mit einem hohen technischen Zinssatz kalkulierten. Rentner mit Verträgen, deren garantierte Renten auf einem technischen Zins von 3,5 Prozent und mehr basieren, werden überhaupt keine Überschüsse mehr erhalten. Sie profitieren dafür von einer relativ hohen garantierten Rente. Weniger hoch sind die garantierten Renten, die auf einem technischen Zins zwischen 2 und 3,5 Prozent beruhen. Hier wird der Überschuss weniger stark gekürzt. 80 Prozent der Bezüger laufender Renten müssen mit einer Kürzung rechnen. Wie hoch die Kürzungen in Franken zu Buche schlagen, will CEO Ivo Furrer nicht verraten (siehe Interview).

 

Auch andere Versicherungsprodukte haben garantierte Leistungen und nicht garantierte Überschüsse, etwa Sparversicherungen. Bei diesen ist es sehr wohl üblich, dass die Versicherer die Überschüsse kürzen. Gekürzt werden die Überschüsse auch bei aufgeschobenen Leibrenten, wo man heute die Prämien bezahlt und später die Rente bezieht. Gelangt jedoch die Rente zur Auszahlung, sollte sie nicht mehr gekürzt werden. Dieses ungeschriebene Gesetz hatte lange Jahre Gültigkeit.

 

Zürich kürzte schon früher

 

Swiss Life ist zugutezuhalten, dass die Überschüsse auf laufenden Renten erstmals gekürzt werden. Dies im Unterschied zur gesamten Konkurrenz, die bereits vor Jahren diesen unpopulären Schritt machen musste. Providentia, heute Mobi Life, kürzte die Überschüsse auf laufenden Renten bereits 2003, zum ersten Mal seit der Gründung im Jahr 1946, wie der Versicherer damals erklärte. Wenig später mussten Winterthur, Nationale Suisse und Helvetia dieselbe trübe Nachricht verbreiten. Die Zürich kürzte laufende Renten unter der Ära Hüppi sogar schon in den Neunzigerjahren, als das aufgrund der Zinssituation keineswegs gerechtfertigt war.

 

INFOTHEK

Rentenversicherung: Man zahlt der Versicherung eine Prämie und erhält dafür lebenslänglich eine Rente ausbezahlt. Sie kann sofort beginnend oder aufgeschoben sein.

 

Sparversicherung: gemischte Versicherung mit einem Risikoschutz und einem Sparteil. Bei Vertragsende wird ein Kapital ausbezahlt.

 

Technischer Zins: Der Sparteil der Prämie wird zu einem garantierten Mindestzinssatz verzinst, eben

zum technischen Zins. Er wird von der Finanzmarktaufsicht (Finma) vorgegeben und bleibt während der ganzen Vertragszeit unverändert.

 

Überschuss: der nicht garantierte Teil von Spar- und Rentenversicherungen. Die Höhe der Überschüsse ist abhängig von den Erträgen auf den Finanzmärkten. Sie werden in der Offerte beziffert, obschon sie nicht garantiert sind.

 

Erschienen in der BZ am 4. November 2010


Claude Chatelain