Hersteller, Akustiker, Ohrenarzt - alle verdienen kräftig mit

Richtig gehört? Patienten müssen mehrere teure Tests machen.
Richtig gehört? Patienten müssen mehrere teure Tests machen.

700 Franken zahlt die IV dem Ohrenarzt für zwei Expertisen hörgeschädigter Personen. Umstritten ist, ob wirklich zwei Expertisen nötig sind, da der Akustiker selber auch Hörtests durchführt. Wen störts? Die IV zahlt.

Die IV setzt den Sparstift an allen möglichen Orten an, auch bei den Hilfsmitteln. Von den jährlichen Kosten von 238 Millionen Franken für Rollstühle, Schuhe und insbesondere für Hörmittel sollen im Rahmen der 6. IV-Revision 48 Millionen eingespart werden. Ein ehrgeiziges Vorhaben.

 

Hörgerätehersteller und Akustiker sind beunruhigt, weil das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) auch den Staatseinkauf als mögliche kostendämpfende Massnahme im Gesetz verankert haben möchte. Dies zum Leidwesen zahlreicher Betroffener, die entweder um ihre Pfründe bangen oder grundsätzlich gegenüber staatlicher Bevormundung ihre Vorbehalte haben. Sie machen geltend, dass man nicht nur bei den Hörgeräten, sondern ebenfalls bei den Abklärungen sparen müsste. Und manche fragen sich, ob nicht insbesondere auch bei Ohrenärzten der Rotstift angesetzt werden sollte.

 

Aufwändige Abklärungen

 

Das geht so: Hörgeschädigte Personen gehen für eine erste Expertise zum Ohrenarzt. Er erstellt eine Expertise und teilt den Patienten aufgrund eines Punktesystems in die Stufen eins, zwei oder drei ein. Dann schickt der Ohrenarzt das Resultat der IV; diese überprüft das Ganze und schickt dem Patienten die Genehmigung, auf Kosten der IV einen Akustiker aufzusuchen. Dieser macht seinerseits wieder einen Hörtest, da er angeblich nicht über die Daten verfügt, die er für die Anpassung des Hörgerätes braucht. Eine Übung, die aus Sicht der Ohrenärzte überflüssig ist. Der Akustiker wird dann ein Gerät empfehlen, und der Patient wird dieses einige Wochen zur Probe tragen. Ist alles okay, muss der Patient erneut dem Ohrenarzt seine Aufwartung machen, damit dieser oder seine Hilfskraft eine zweite Expertise erstellt und das Ergebnis wiederum der IV schickt, sodass diese dann nach eingehender Prüfung den Akustiker für die Kosten des Hörgeräts und seinen Aufwand entschädigt. Der Ohrenarzt kassiert für diese zwei Expertisen 700 bis 750 Franken. Viel zu viel, sagen Akustiker und Hersteller, zumal häufig nicht der Ohrenarzt, sondern seine Hilfskraft die Routinearbeit erledigt.

 

Doppelt gemoppelt

 

Die Kosten dieser zwei Expertisen sind das eine; der Nutzen etwas anderes. Zumindest die zweite Expertise erachten Beobachter als Luxus. Aber auch der Nutzen der ersten Expertise ist nicht in jedem Fall einsich-tig, da ja Akustiker ihrerseits ebenfalls den Hörtest durchführen müssen. Brillenträger las-sen die Sehkraft auch beim Optiker überprüfen, ohne zwingend zum Augenarzt gehen zu müssen.

 

Das sagt der Ohrenarzt

 

Mattheus Vischer verteidigt das heutige Expertisenwesen. Er ist Ex-Präsident der Kommission für Audiologie und Expertenwesen, eines beratenden Organs. «Für die medizinische Beurteilung zum Ohrenarzt; für die technische Beurteilung zum Akustiker», sagt der Facharzt für Ohren-, Nasen- und Halskrankheiten. Auch eine Schlussexpertise sei erforderlich, so Vischer weiter. Dort werde medizinisch abgeklärt, ob das Hörgerät optimal eingestellt ist. «In 10 bis 15 Prozent der Fälle müssen wir den Patienten zum Akustiker zurückschicken, um die Anpassung zu verbessern.»

 

Und was der vermeintlich hohe Tarif von 700 Franken betrifft, verweist Vischer auf die hohen Infrastrukturkosten. Die Audiometergeräte und die schalldämmende Hörkabine müssten vom Bundesamt für Metrologie geprüft und jährlich geeicht werden.

 

Wann handelt das BSV?

 

Eigentlich hätte es der Bundesrat beziehungsweise das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) in der Hand, das aufwändige Expertisenwesen abzuspecken. Es braucht dazu nicht mal eine Verordnungs-, geschweige denn eine Gesetzesänderung. BSV-Direktor Yves Rossier: «Alle Kostenpunkte werden überprüft.» Näheres lässt er sich (noch) nicht entlocken.

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Claude Chatelain