Kassen zahlen nur lausige Taggelder

Was viele nicht wissen: Das Krankenversicherungsgesetz (KVG) zwingt die Krankenversicherer dazu, eine Krankentaggeld-Versicherung anzubieten. Was fast niemand weiss: Die entsprechenden Angebote sind eine Farce.

Die meisten Angestellten in der Schweiz haben es gut: Sie sind via Arbeitgeber bei einer kollektiven Krankentaggeldversicherung angeschlossen. Weniger gut haben es die Selbstständigerwerbenden und all jene Arbeiter, deren Arbeitgeber aus finanziellen oder anderen Gründen keine kollektive Krankentaggeldversicherung abschliessen. Das dürfte etwa bei jedem fünften Arbeitnehmer der Fall sein.

 

Vorübergehender Schutz

 

Die Krankentaggeldversicherung zahlt bei Erwerbsunfähigkeit das vertraglich vereinbarte Taggeld. Für spätere IV-Rentner ist dieser Schutz wichtig, weil die erste IV-Rente frühestens ein Jahr nach Eintritt der Erwerbsunfähigkeit eintritt. Manchmal dauern die Abklärungen etwas länger. Deshalb werden Krankentaggeldversicherungen typischerweise auf zwei Jahre abgeschlossen.

Job los, Gehalt weg und krank dazu - glücklich derjenige, der da eine Taggeldversicherung abgeschlossen hat.
Job los, Gehalt weg und krank dazu - glücklich derjenige, der da eine Taggeldversicherung abgeschlossen hat.

Erst recht auf einen solchen Versicherungsschutz angewiesen sind Selbstständigerwerbende. Doch wollen sie ein Taggeld versichern, müssen sie jung und gesund sein. Ältere Semester und Leute mit einem gesundheitlichen Handicap werden dagegen von der Krankenkasse negativen Bescheid erhalten. «Ohne Angaben von Gründen abgelehnt», heisst es etwa. Laut Versicherungsvertragsgesetz (VVG) können die Krankenversicherer Gesuche für Zusatzversicherungen ohne Angabe von Gründen ablehnen. 

 

Was die Krankenkassen aber meistens nicht sagen: Sie führen nicht nur Zusatzversicherungen laut VVG; sie führen auch Taggeldversicherungen laut Krankenversicherungsgesetz (KVG) im Angebot. Und diese können sie nicht grundlos verweigern. Wie bei der obligatorischen Grundversicherung besteht auch hier ein Aufnahmezwang. Die Kassen können bei Taggeldversicherungen laut KVG höchstens für einen konkreten Gesundheitsschaden einen Vorbehalt anbringen, der aber nach fünf Jahren verfällt.

 

Minimales Taggeld

 

Die Krankenkassen wollen lieber Taggeldversicherungen laut VVG statt laut KVG abschliessen. Deshalb verschweigen sie tunlichst, dass sie auch eine Taggeldversicherung mit Aufnahmezwang im Sortiment führen, die dem KVG unterliegt.

 

Aber selbst für den Fall, in welchem der Kunde auf den Abschluss der KVG-Variante beharrt, haben die Krankenkassen vorgesorgt. Die meisten von ihnen haben nämlich das maximal versicherbare Taggeld auf ein paar wenige Franken beschränkt. Es beträgt 10, 20, 30 oder 40 Franken. Besonders dreist treibt es die CSS: Beim Branchenprimus beträgt das maximal versicherbare Taggeld gerade mal 6 Franken. Man soll sich das vorstellen: Man ist krank; man erhält keinen Lohn, dafür zahlt die Versicherung 6 Franken pro Tag, 180 Franken pro Monat.

 

Anders gesagt: VVG-Versicherungen können nur Junge und Gesunde abschliessen; und KVG-Versicherungen sind eine Farce. Zahlreiche Schweizerinnen und Schweizer haben somit praktisch gar keine Möglichkeit, ein Krankentaggeld zu versichern. Sämtliche politischen Bemühungen, das Loch im sozialen Netz zu flicken, sind bisher gescheitert. 1997 brachten die Gewerkschaften die nötigen Unterschriften nicht zusammen. Sie wollten mit einer Volksinitiative die Krankentaggeldversicherung für obligatorisch erklären.

 

Bundesrat ist untätig

  

In einer Antwort auf eine entsprechende Interpellation erklärte der Bundesrat vor ziemlich genau zehn Jahren: «Der Bundesrat ist der Ansicht, dass die Situation im Bereich der Krankentaggeldversicherung nicht zu genügen vermag». Es dauerte neun Jahre, bis er vor einem Jahr den 52-seitigen Bericht: «Evaluation und Reformvorschläge zur Taggeldversicherung» publizierte. Sein Fazit: «Der Bundesrat ist der Ansicht, dass die Taggeldversicherung so, wie sie heute praktiziert wird, weitergeführt werden kann.»

 

Offensichtlich stört sich der Bundesrat nicht daran, dass die Angebote ihren Zweck nicht erfüllen.

 

Erschienen in der BZ am 28. September 2010

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Claude Chatelain