Vierte Säule: Warum dürfen wir invalide sagen?

Das Wort Neger ist postitiv besetzt. Er erinnert mich an die US-amerikanischen 200-Meter-Läufer Tommie Smith und John Carlos.
Das Wort Neger ist postitiv besetzt. Er erinnert mich an die US-amerikanischen 200-Meter-Läufer Tommie Smith und John Carlos.

Als Kind hielt ich es weniger mit dem bösen Wolf, der nun in unseren Landen verhätschelt wird. Meine Lieblingsplatte hiess «Zehn kleine Negerlein» von Trudi Gerster. Damals durften wir noch Neger sagen. Der Begriff «Neger» ist für mich positiv besetzt, nicht nur, weil Schwarze besser tanzen können, wie der Satiriker Andreas Thiel in seiner Kolumne «Isländische Eisenbahn» mit dem Titel «Neger üben heimlich» geschrieben hat.

Bei Neger denke ich an die Musik aus New Orleans oder an die US-amerikanischen 200-Meter-Läufer Tommie Smith und John Carlos, wie sie 1968 an den Olympischen Spielen in Mexiko bei der Siegerehrung die geballte Faust im schwarzen Handschuh zum Black-Panther-Gruss in den Himmel reckten. 

Der Begriff Neger weckt bei mir positive Assoziationen, etwa den Jazz von New Orleans.
Der Begriff Neger weckt bei mir positive Assoziationen, etwa den Jazz von New Orleans.

Heute darf nur noch der Satiriker Thiel Neger sagen. Das Märchen «Vom dumme Negerli» heisst jetzt «Wumbo Wumbo».

 

Kürzlich ist mir der Fauxpas passiert, von Überalterung zu schreiben. Da war ich dann wirklich der Neger. Das sei ein Unwort, wurde mir beschieden. Heute sage man Alterung. Wobei ich noch heute der Meinung bin, dass unsere Gesellschaft überaltert ist.

 

In meinem Spezialgebiet gibt es aber einen Begriff, der mehr als abschätzig ist – und doch wird er sogar offiziell verwendet: invalide. Man spricht von der Invalidenversicherung, obschon sie gar nicht behinderte Personen versichert, sondern erwerbsunfähige. Invalide ist das Gegenteil von valide. Invalid heisst also unwert, wertlos. In Deutschland, wo man die Schweiz lechzend als Oase bezeichnet, gab es auch mal eine Invalidenversicherung. Seit der Rentenreform von 1957 heisst sie Arbeiterrentenversicherung.

 

Zugegeben: auch kein treffendes Wort. Aber warum nicht Behindertenversicherung? Solange man hierzulande unsere behinderten Mitmenschen hemmungslos als «wertlos» bezeichnen darf, sollte man auch Neger sagen dürfen – als Hommage an die 200-Meter-Läufer von Mexiko.

 

Erschienen in der BZ am 26. Oktober 2010

Claude Chatelain