Vierte Säule: Aktienanlagen auf dem alten Kontinent

Gelegentlich rufen mich Leute an, um mir mitzuteilen, was ich schreiben sollte. Europäische Aktien seien unterbewertet, erklärte mir kürzlich ein Mann am Telefon. Ich soll das mal schreiben. Die Risikoprämie sei attraktiv, sagte er mir. Er meinte damit die Kennziffer, welche die Renditen von Aktien mit Obligationen vergleicht.

Auch gemessen am Kurs-Gewinn-Verhältnis seien die Aktien tief bewertet. Und neben der tiefen Bewertung spreche sonst noch manches für Aktien aus dem Euroraum: Die Unternehmen hätten die Rezession gut überstanden, die Kosten stark gesenkt und Schulden abgebaut.

 

Bei solch optimistisch klingenden Argumenten muss man sich fragen, weshalb die Anleger nicht zuschlagen, wenn doch die Aktien zu Schnäppchenpreisen zu haben sind. Die Antwort ist in der «Theorie der effizienten Märkte» zu suchen. In einem effizienten Markt ist der Aktienkurs eines Unternehmens das Spiegelbild sämtlicher öffentlich verfügbarer Informationen über das Unternehmen und über den Markt, in welchem es tätig ist. Der Kurs wird durch Angebot und Nachfrage bestimmt, wobei die Nachfrage durch die Erwartungen bestimmt wird.

 

Offensichtlich haben die Millionen von Marktteilnehmern nicht so hohe Erwartungen an europäische Unternehmen wie der Mann am Telefon und wie man das aufgrund der Kennziffern haben müsste. Wer täuscht sich nun? Die Millionen von Anlegern?

 

Manchen ergeht es wie mir, wenn sie an Europa denken: Sie blicken nach Frankreich und stellen fest, dass dort gegen die Erhöhung des Rentenalters von 60 auf 62 gestreikt wird. Getreu dem frankofonen Motto: «Après moi le déluge». Im Vergleich zu den Franzosen erscheinen selbst die Griechen als Workaholics. Und somit werden sich Investoren ernsthaft die Frage stellen: Soll ich wirklich das Geld in eine Volkswirtschaft investieren, welche horrende Streikkosten und nicht finanzierbare Sozialkosten zu verkraften hat?

 

Erschienen in der BZ am 19. Oktober 2010

Claude Chatelain