Vierte Säule: Die Null-8-15-Beratung der Banken

Der 13-jährige Sohn einer Bekannten hat von seinem verstorbenen Vater 13 000 Franken geerbt. Flugs unterbreitete die Bank der Mutter Vorschläge, wie das Geld am besten anzulegen sei.

Die Bank empfahl einen Fondssparplan, was grundsätzlich gut ist. Und sie empfahl zwei ausgewählte Fonds, was weniger gut ist. Sie empfahl nämlich die Portfoliofonds Yield oder Balanced. Der «Yield» enthält 74 Prozent Obligationen; der «Balanced» 54 Prozent. Der Aktienanteil beträgt dagegen lediglich 22 und 42 Prozent.

 

Um welches Institut es sich handelt, tut hier nichts zur Sache. Die Banken handeln alle gleich und sagen immer das Gleiche, ob sich die Aktienbörse in einer Hausse oder in einer Baisse befindet, ob die Zinsen historisch hoch oder extrem tief sind. So lautet die klassische Antwort: Je grösser der Aktienanteil, desto grösser das Risiko. Und: Je kürzer der Anlagehorizont, desto höher sollte der Obligationenanteil sein.

 

Weil der Junge das Geld womöglich bereits in fünf Jahren beziehen möchte, empfahl die Bank einen hohen Obligationenanteil. Doch was ist, wenn die Zinsen in den kommenden fünf Jahren steigen, womit nun wirklich zu rechnen ist? Dann werden die Obligationenkurse in die Tiefe sacken. Wir haben heute extrem tiefe Zinsen. Deshalb sind die Obligationen extrem teuer. Bereits ist von einer Obligationenblase die Rede. Es ist fahrlässig, im heutigen Zinsumfeld Obligationenfonds zu empfehlen.

 

Womöglich werden die genannten Portfoliofonds in fünf Jahren dennoch einen höheren Wert aufweisen als heute, weil sie ja neben Obligationen auch Aktien enthalten. Besser ist also: die Hälfte des Guthabens, 6500 Franken, via Sparplan in einen reinen Aktienfonds zu investieren und den Rest auf dem Jugendsparkonto zu lassen.

 

Mit Aktien gut essen und mit Obligationen gut schlafen, heisst es im Volksmund. Was der gute Schlaf betrifft, baue ich im heutigen Zinsumfeld lieber auf Aktien- als auf Obligationenfonds.

 

Erschienen in der BZ am 5. Oktober 2010

Claude Chatelain