«Die Prämien sind generell zu tief, nicht nur in Bern»

Visana-Chef Peter Fischer: "Wir haben im Kanton Bern ingesamt höhere Spitalkosten".
Visana-Chef Peter Fischer: "Wir haben im Kanton Bern ingesamt höhere Spitalkosten".

«Im Kanton Bern haben die meisten Krankenkassen zu tiefe Reserven, nicht jedoch die Visana», sagt Peter Fischer, der Direktionsvorsitzende der Visana. Müssten die Reserven geäufnet werden, würden die Prämien noch stärker steigen.

 

Herr Fischer, warum steigen die Prämien im Kanton Bern überdurchschnittlich stark?

Peter Fischer: Wir haben im Kanton insgesamt höhere Spitalkosten, insbesondere wegen der vielen Privatspitäler. Die Kosten der Privatspitäler zahlen die Krankenkassen vollumfänglich; bei den öffentlichen Spitälern bezahlt der Kanton 55 Prozent.

Das erklärt , weshalb die Prämien im Kanton Bern überdurchschnittlich hoch sind. Das erklärt aber nicht, weshalb sie überdurchschnittlich stark steigen.

Wir stellen eine Sogwirkung fest. Immer mehr Grundversicherte lassen sich in Privatspitälern behandeln. Mittlerweile sind über die Hälfte der Patienten in den Privatspitälern des Kantons Bern nur noch grundversichert. In ausserkantonalen Privatspitälern ist der Anteil der Grundversicherten viel tiefer.

 

Müsste das Prämienwachstum im Kanton Bern nicht sogar noch höher sein? Die kalkulatorischen Reserven liegen ja unter dem schweizerischen Mittel.

Die Prämien sind generell zu tief, nicht nur im Kanton Bern. Aber Sie haben recht: Im Kanton Bern haben die meisten Krankenkassen zu tiefe Reserven, nicht jedoch die Visana. Müssten die Reserven geäufnet werden, würden die Prämien noch stärker steigen.

 

Warum wird es nicht gemacht?

Ich habe den Eindruck, dass das Bundesamt für Gesundheit (BAG) kaum mehr auf die kantonalen Prämien und kantonalen Reserven achtet. Das BAG hat die Spielregeln geändert, ohne umfassend zu informieren. Man hat nur lesen können, dass das BAG angeblich keine Rechtsgrundlage hat, kantonale Reserven vorzusehen. 

Peter Fischer: "Das BAG verfolgt einen unakzeptablen Zickzackkurs".
Peter Fischer: "Das BAG verfolgt einen unakzeptablen Zickzackkurs".

Haben nicht Sie einmal gesagt, kantonale Reserven seien ein Unding? Nur die schweizweiten Reserven seien relevant?

Doch. Aber das BAG hat Vorgaben gemacht und verlangt, dass die Reserven in jedem Kanton das gesetzlich notwendige Minimum aufweisen müssen. Ausserdem dürften keine Quersubventionierungen von der Zusatz- zu der Grundversicherung erfolgen. Das waren nun mal die Spielregeln. Diese einfach kommentarlos abzuändern, ist ein unakzeptabler Zickzackkurs.

 

Bei der Visana sind ja die Reserven im Kanton Bern auch tiefer als in der Schweiz insgesamt?

Ja, aber mit 12 Prozent im Kanton Bern erfüllen wir die gesetzlichen Mindestvorgaben von 10 Prozent. Schweizweit beträgt die Reservequote der Visana-Gruppe 18 Prozent.

 

Warum dieser Unterschied? Müsste die Reservequote nicht in jedem Kanton etwa gleich sein?

Das ist das Ziel. Aber Sie müssen bedenken, dass wir Mitte Jahr die Prämien für eine Periode berechnen, die in einem halben Jahr beginnt und in anderthalb Jahren aufhört. Und dies basierend auf Erfahrungswerten vom Vorjahr. Wenn man in einem bestimmten Kanton die Realität nicht exakt abbildet, verändern sich die Reserven.

 

Macht die Visana keine Quersubventionierung von der Zusatz- in die Grundversicherung?

Für die Prämienberechnung des kommenden Jahres haben wir keine Quersubventionierung kalkuliert.

 

Das heisst, dass die Visana bisher sehr wohl die Grundversicherung mit Geldern der Zusatzversicherung subventionierte?

Ja.

 

Wie können Sie ohne Quersubventionierung die Billigkasse Sana24 wieder auf Kurs bringen?

Sana24 hat heute eine relativ günstige Prämie. Dadurch stieg der Versichertenbestand innert eines Jahres von 95 000 auf 140 000 Personen, was zu einer zu tiefen Reservequote geführt hat. Die Prämien für Sana24 steigen gesamtschweizerisch um rund 15 Prozent. Damit sind wir auf Kurs, um die gesetzlich notwendigen Reserven zu äufnen.

 

Können wir davon ausgehen, dass wenigstens ab 2012 die Prämien dank der neuen Spitalfinanzierung sinken werden?

Mit der neuen Spitalfinanzierung werden die Kassen 45 Prozent und der Kanton 55 Prozent der stationären Spitalkosten bezahlen. Die Kassen müssen also die Kosten bei den Privatspitälern nicht mehr voll übernehmen. Doch es ist zum heutigen Zeitpunkt sehr schwierig, den Effekt dieser neuen Spitalfinanzierung zu beziffern.

 

Wieso ist das so schwierig?

Weil es im Kanton Bern immer noch keine Spitalliste für 2012 gibt. Zudem kennen wir auch die Spitaltarife, die sogenannte Baserate, für 2011 noch nicht.

 

Die neue Spitalfinanzierung koste den Steuerzahler zusätzliche 250 Millionen Franken. Das müsste doch zu einer Entlastung der Prämie führen.

Entlastung ja, ob aber die Prämien reduziert werden oder ob lediglich das Prämienwachstum verlangsamt wird, können wir heute wegen der fehlenden Informationen nicht abschätzen. Brauchbare Schätzungen können wir erst machen, wenn wir die Spitalliste und die Baserate kennen.

 

Was erwarten Sie von der bernischen Spitalpolitik?

Dass man möglichst bald die Spitalliste veröffentlicht, damit wir endlich wissen, wo es langgeht. Man weiss dann auch, mit welchen Spitälern die Krankenversicherer über die Baserate verhandeln können. Und dann erwarten wir eine möglichst tiefe und vor allem auch einheitliche Baserate, damit das Universitätsspital Insel für eine identische Leistung nicht einen höheren Preis verlangen darf.

 

Erwarten Sie, dass Spitäler von der Liste gestrichen werden?

Ich hoffe einfach, dass ganze Spitäler und nicht nur ausgewählte Spitalabteilungen auf der Spitalliste figurieren. Das wäre aus meiner Sicht verheerend, vor allem für die Patienten. Das gäbe eine grosse Unsicherheit.

Infothek: Kasse wechseln? So gehts

Lust, in eine weniger teure Krankenkasse zu wechseln? Die Zeit drängt nicht: Für eine Kündigung auf Ende Jahr muss das Kündigungs-schreiben als eingeschriebener Brief bis zum 30. November oder bis zum letzten Arbeitstag im November bei der bisherigen Krankenkasse eingetroffen sein. Diese Kündigungsfrist gilt unabhängig davon, ob die neue Prämie höher, tiefer oder gleich hoch ist.

 

Die gleiche Frist gilt bei einer Senkung der Franchise. Will man indessen die Franchise

erhöhen, muss das der Kasse erst bis Ende Dezember mitgeteilt werden.

 

Das Gesagte gilt nur für die obligatorische Grundversicherung. Bei den freiwilligen Zusatzversicherungen gelten andere Regeln. Sie sind von Kasse zu Kasse verschieden und in den allgemeinen Versicherungsbedingungen festgehalten.

 

Erschienen in der BZ am 5. Oktober 2010


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Claude Chatelain