Der Chef ist untragbar geworden

Fredy Furrer, Noch-Chef der Spital Netz Bern AG.
Fredy Furrer, Noch-Chef der Spital Netz Bern AG.

Die Spital Netz Bern AG sucht einen neuen Chef: CEO Fredy Furrer tritt Ende September ab. Offenbar ist Furrer für den Verwaltungsrat untragbar geworden, weil er nicht mit dem Kanton zusammenarbeiten wollte.

 

Das Communiqué war dürr und enthielt die üblichen Floskeln: Nach «erfolgreich abgeschlossener Aufbauarbeit» verlasse Fredy Furrer die Spital Netz Bern AG auf Ende September in «gegenseitigem Einvernehmen». Doch wie meist bei solchen Mitteilungen steckt erheblich mehr dahinter – selbst wenn Verwaltungsratspräsident Daniel Hoffet gestern Nachmittag in den elektronischen Medien versicherte, es gebe keinen weiteren Grund als den genannten. Doch wie mehrere gut informierte Quellen unabhängig voneinander bestätigen, wurde Furrer vom Verwaltungsrat am Mittwochabend entlassen, weil er untragbar geworden ist. Nachdem sich der Verwaltungsrat drei Jahre lang vor Furrer gestellt hatte, brachte dessen gestörte Kommunikation mit der kantonalen Gesundheitsdirektion GEF das Fass zum überlaufen.

Informierte GEF nicht

 

«Bei der GEF wollte zuletzt niemand mehr mit Furrer sprechen», erklärt ein Insider. Offenbar hat sich Furrer als Chef der grössten kantonalen Regionalspitalgruppe von Anfang an um einen Draht zum Kanton foutiert. So befand er es auch nicht für nötig, die GEF bei wichtigen Entscheiden zu informieren.

 

Dass die Spital Netz Bern AG in Münsingen eine Abteilung für Sportorthopädie eröffnet, obschon sie bloss 15 Kilometer entfernt im Berner Ziegler und auch in Aarberg bereits Orthopädieabteilungen betreibt, erfuhr das kantonale Spitalamt Anfang 2010 aus den Medien. Ebenso, dass der zuständige Arzt umstritten ist und keine Ausbildungsbefugnis hat. Dementsprechend betupft reagierte die Amtsleiterin in dieser Zeitung.

 

Gestört war dem Vernehmen nach auch Furrers Verhältnis zum obersten Chef der GEF, zu Regierungsrat Philippe Perrenoud. Dies, nachdem Furrer im Grossratswahlkampf 2010 bei der 2800-köpfigen Belegschaft für einen FDP-Kandidaten geworben hatte, der als Arzt in der Spital Netz Bern AG arbeitet. Dies kam SP-Mann Perrenoud in den falschen Hals, doch der Verwaltungsrat der faktisch autonomen Spitalgruppe stellte sich schützend vor Furrer.

 

Projekte torpediert

 

Der Meinungsumschwung des Verwaltungsrats kommt nicht von ungefähr, ist doch die Spital Netz AG in der aktuellen Lage auf einen Draht zum Kanton dringend angewiesen. Die Spitalgruppe steht nämlich vor richtungsweisenden Entscheidungen und Umwälzungen: So wird von der Politik momentan eine Fusion der Gruppe mit dem Inselspital geprüft. Angeblich hat sich Furrer auch hier wenig kooperativ gezeigt: Schon kleinere gemeinsame Projekte soll er torpediert haben. Zudem erhöht sich mit der Einführung des neuen Abrechnungssystems im Spitalwesen auf 2012 der Kostendruck auf die Gruppe, der die sechs öffentlichen Spitäler Aarberg, Belp, Münsingen, Riggisberg, Tiefenau und Ziegler sowie das Pflegezentrum Elfenau und das Alters- und Pflegeheim Belp angehören. Denn die Spital Netz Bern AG arbeitet viel zu teuer: Noch 2009 betrugen die durchschnittlichen Fallkosten 10 120 Franken. Bis 2012 muss dieser Betrag auf 8500 Franken sinken.

 

Fredy Furrer kam darum 2007 als Kostendrücker an die Spitze der neu gegründeten Spitalgruppe. Darin hatte er Erfahrung: Bereits als Direktor des Spitalverbunds Appenzell Ausserrhoden musste er Strukturen bereinigen und Abläufe effizienter gestalten, um Synergien abzuschöpfen – also letztlich zu sparen.

 

Stadtspital stagniert

 

An seinem neuen Wirkungsort musste Furrer unpopuläre Sparmassnahmen durchziehen: Auf Anfang Jahr baute er rund 70 Stellen ab. Sorgen machten Furrer vor allem die städtischen Spitäler Ziegler und Tiefenau, deren veraltete Infrastruktur zu teuer ist. Deswegen hat Furrer den Bau eines neuen Stadtspitals vorangetrieben, welches die beiden alten ab 2015 ersetzen soll. Momentan scheint das Projekt jedoch zu stagnieren: Furrer hatte zwar mehrfach betont, er habe Investoren an der Angel, Konkretes auf den Tisch gelegt hat er nie. Auch die Behauptung des Gesundheitsökonomen und früheren GEF-Mitarbeiters Heinz Locher in dieser Zeitung, man könne Tiefenau und Ziegler ersatzlos schliessen, konnte Furrer nicht mit Fakten widerlegen: Eine Bedarfsanalyse gab es bislang nicht.

 

Fredy Furrer war gestern für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Bis zur Wahl eines neuen CEO leitet Finanzchef Reto Flück das Unternehmen.

 

Erschienen in der BZ am 17. September 2010

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Claude Chatelain