Prêles: Mehr Angestellte als Heimbewohner

Direktor Laszlo Polgar in einem der neuen Zimmer.
Direktor Laszlo Polgar in einem der neuen Zimmer.

Ein Augenschein im Jugendheim Prêles. Dort investiert der Kanton Bern 35 Millionen Franken.

 

Heute spricht man vom Jugendheim Prêles. Besser bekannt ist die Erziehungsanstalt am Südfuss des Chasserals unter dem Namen Tessenberg. Es ist jene Institution im Kanton Bern, wo die schwierigsten Jugendlichen aus der ganzen Schweiz einquartiert werden. Wer auf den Tessenberg kommt, wurde von einem Jugendgericht eingewiesen.

Vor drei Jahren hat der Grosse Rat des Kantons Bern einem Um- und Neubaukredit von 35 Millionen Franken zugestimmt. Die erste von drei Bauetappen ist abgeschlossen. Grund genug für Direktor Laszlo Polgar, die Medien über den Stand der Bauarbeiten zu informieren. Bis zum Sommer 2012 sollten die Arbeiten vollendet sein.

 

Nötig war der Umbau, weil die bisherige Anstalt den modernen Anforderungen nicht mehr zu genügen vermochte: Feuerwehr, Gebäudeversicherung, Bundesamt für Justiz, ja sogar der Europarat hat Mängel aufgedeckt. «Das Jugendheim Prêles verfügt in der geschlossenen Unterbringung und der Disziplinarabteilung nicht über einen gesicherten Spazierhof, in dem die Jugendlichen ihr Recht auf eine Stunde Freigang ausserhalb des Hauses antreten können», befand der Europarat für Menschenrechte.

 

Auf dem Tessenberg haben 62 Jugendliche Platz. Künftig werden es 70 sein. Doch nicht diese quantitative Vergrösserung rechtfertige die teure Investition, betont Laszlo Polgar, sondern die qualitative Verbesserung. «Man kann nicht 14 Jugendliche durch 2 Sozialpädagogen auf einer mehrstöckigen Wohngruppe betreuen. Da kommt es unweigerlich zu Problemen.» Nach Prêles kämen Jugendliche, «deren Persönlichkeit durch kriminelles Verhalten, Aggression, Gewalt, Drogenkonsum und eine äusserst geringe Frustrationstoleranz geprägt ist».

 

Seit Anfang 2007 ist in der Schweiz das neue Jugendstrafrecht in Kraft. Seither können straffällige Jugendliche ab 16 Jahren mit bis zu vier Jahren statt nur einem Jahr Freiheitsentzug bestraft werden. Vier Abteilungen haben die Jugendlichen im Berner Jura zu durchlaufen: geschlossene, halboffene, offene und zum Schluss die Abteilung Vita. Die Unterschiede manifestieren sich im Grad der Freiheit.

Die neue Kantine im Jugendheim Prêles.
Die neue Kantine im Jugendheim Prêles.

Bereits bezugsbereit ist die neue offene Abteilung. Das Haus ist gut 100 Meter vom Hauptgebäude entfernt. Neun Jugendliche und zwei Sozialpädagogen haben dort in Einzelzimmern Platz. Ein Studentenheim sieht kaum anders aus. Laszlo Polgar: «Jugendliche müssen sich wohl und sicher fühlen.»

 

Jeder zehnte Jugendliche stammt aus dem Kanton Bern. Bei den Ausserkantonalen wird der kostspielige Massnahmenvollzug vom jeweiligen Kanton bezahlt. Das Jahresbudget des Jugendheims beträgt 12 Millionen Franken; 1,5 Millionen trägt das Bundesamt für Justiz bei. Ein Jugendlicher in der offenen Abteilung kostet den Steuerzahler 430 Franken, in der geschlossenen Abteilung gar 585 Franken. Das sind höhere Ansätze als in einem Pflegeheim. Trotz Vollkostenrechnung werden die Raumkosten nicht verrechnet, sodass der Tagesansatz eigentlich höher sein müsste. Er dürfte somit in Zukunft nach oben angepasst werden, zumal auch die 35 Millionen Franken für den Um- und Neubau amortisiert werden müssen.

 

Die genannten Tagesansätze scheinen eher wenig zu sein, wenn man bedenkt, dass das Jugendheim für ihre 62 Bewohner 88 Vollstellen anbietet, verteilt auf 102 Personen. Kein Wunder: Die Jugendlichen haben häufig bei der Entlassung einen Lehrabschluss im Sack, sei es als Schreiner, Schlosser, Maurer, Maler, Landwirt, Gärtner, Koch oder Automechaniker. Die Aufzählung ist nicht abschliessend.

 

Erschienen in der BZ am 11. September 2010

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Claude Chatelain