Die Krankenkassen kämpfen gegen eklatante Wissenslücken

Am Ende zahlt die Krankenkasse. Eine Untersuchung mit dem Kernspintomografen
Am Ende zahlt die Krankenkasse. Eine Untersuchung mit dem Kernspintomografen

Die Bevölkerung in der Schweiz weiss über das Gesundheitssystem und die Rolle der Krankenversicherer nur mässig Bescheid. Eine Informationsoffensive des Krankenkassenverbands Santésuisse soll dem entgegenwirken.

Die Kosten im Gesundheitswesen steigen ständig und damit auch die Krankenkassenprämien. Wie dringend müsste man sparen? Diese Frage stellte Santésuisse in der repräsentativen Umfrage «Sondage Santé 2010», die bereits zum achten Mal durchgeführt wurde: 79 Prozent sagten «eher dringend» oder «sehr dringend». Geht es aber um konkrete Sparmassnahmen, geben sich die Schweizerinnen und Schweizer weniger bereitwillig.

 

20 Prozent Selbstbehalt?

 

Eine solche Sparmassnahme wäre der differenzierte Selbstbehalt von 10 oder 20 Prozent, wie ihn der Nationalrat als Teil von Managed Care bereits verabschiedet hat (Infothek). Nur gerade 34 Prozent der Befragten können sich dafür erwärmen.

Claude Ruey, Santésuisse-Präsident und Nationalrat der FDP
Claude Ruey, Santésuisse-Präsident und Nationalrat der FDP

Santésuisse-Präsident Claude Ruey will dennoch an diesem differenzierten Selbstbehalt festhalten. «Wir brauchen Anreize», sagte der Waadtländer FDP-Nationalrat gestern an einer Medienkonferenz in Bern. Und gleichzeitig hegte er Zweifel, ob auch wirklich alle Befragten verstanden hätten, dass ja der maximale Selbstbehalt pro Jahr auf 700 Franken limitiert ist.

 

Mittelmässiges Wissen

  

Die Zweifel sind berechtigt, denn «das Wissen zur Grundversicherung ist mittelmässig», konstatierte Franz Neff von der Neff-Pidoux Wissensmanagement GmbH, welche auch die achte Auflage der Umfrage konzipiert und ausgewertet hat. Das mangelnde Wissen manifestiert sich bei verschiedenen Punkten. Die Frage, ob man alle Jahre die Grundversicherung wechseln könne, beantworteten nur 81 Prozent mit Ja. 52 Prozent sind sogar der Meinung, man könne sich in der ganzen Schweiz ärztlich behandeln lassen, was jedoch nur in Notfällen oder mit entsprechenden Zusatzversicherungen möglich ist.

 

Sparen bei Krankenkassen?

 

Sparen sollte man vor allem bei den Medikamenten, findet die grosse Mehrheit. An zweiter Stelle folgen bereits die Krankenkassen, obschon ja deren Prämien bloss die steigenden Gesundheitskosten spiegeln.

 

Auch was die persönlichen Sparmöglichkeiten in der obligatorischen Grundversicherung betrifft, stellte Franz Neff eklatante Wissensmängel fest. Gerade mal 9 Prozent kam spontan in den Sinn, mit einem Wechsel der Krankenkasse Prämien zu sparen (Grafik). Und dass alle Krankenkassen in der obligatorischen Grundversicherung die exakt gleichen Leistungen anbieten müssen, sollte eigentlich auch jeder Bürgerin und jedem Bürger bekannt sein – ist es aber nicht.

 

Aufgrund dieser Wissenslücken hat der Krankenkassenverband eine Informationsinitiative gestartet. Denn nicht nur das Wissen über die Grundversicherung, auch das Wissen über die Rolle der Krankenversicherer sei bescheiden, erklärte Verbandsdirektor Stefan Kaufmann. Zudem hätten die Krankenversicherer einen gesetzlichen Auftrag zur Information der Bevölkerung. Die Plakat- und Inseratekampagne kommt gerade zur richtigen Zeit. Demnächst dürften linke Kreise die Initiative für eine Einheitskrankenkasse starten, wie sie das schon längst angekündigt haben. Doch Claude Ruey stellt einen Zusammenhang zwischen der vorgestellten Kampagne und den von linker Seite angekündigten Angriff aufs pluralistische Krankenkassenwesen in Abrede.

 

Ärger über KPT-Abzocke

Erstmals äusserte sich der Präsident von Santésuisse zur zweifelhaften Fusion von Sanitas und KPT. «Das stört uns, weil wir nichts dagegen machen können, und doch werden wir attackiert», sagte gestern Santésuisse-Präsident und Nationalrat Claude Ruey an der Medienorientierung vom Krankenkassenverband.

  

Nichts machen könne Santésuisse, weil man bloss die Krankengrundversicherer vertrete. Das umstrittene Aktienmitarbeiterprogramm betreffe hingegen das Geschäft der Zusatzversicherungen. Diese unterliegen nicht dem Krankenversicherungsgesetz (KVG), sondern dem Versicherungsvertragsgesetz (VVG) und sei daher Sache des Schweizerischen Versicherungsverbands.

 

Kommt die Fusion zwischen der Zürcher Sanitas und der Berner KPT zustande, können die Mitglieder des KPT-Verwaltungsrates je über eine Million Franken einstreichen.

 


INFOTHEK: Das ist Managed Care

Eine Umfrage von Santésuisse zeigt, dass 65 Prozent der Schweizer Bevölkerung schon einmal von Managed Care gehört hat, was man als integrierte Versorgung umschreiben könnte. Der Nationalrat hat zu Managed Care schon Folgendes beschlossen:

  • Angebotszwang für Versicherer von Managed-Care-Modellen;
  • Vertragsdauer bis drei Jahre;
  • Differenzierter Selbstbehalt: normal 20 Prozent, Managed Care 10 Prozent;
  • Vertragsfreiheit zwischen den Versorgungsnetzen und den Versicherern;
  • Budgetmitverantwortung.

 

Die Managed-Care-Vorlage muss nun auch noch vom Ständerat beraten und abgesegnet werden.

 

Erschienen in der BZ am 31. August 2010


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Claude Chatelain