Mister AHV geht in Pension

Der Luzerner Heinz Burkhard wirkte schon bei der Ausgleichskasse des Kantons Bern, als Missbräuche in den Sozialversicherungen noch ein Fremdwort waren. Gestern wurde Mister AHV im Berner Rathaus feierlich verabschiedet.

«Vor 20 Jahren war es noch üblich, dass wir zu Weihnachten Dankesschreiben erhalten haben.» Dankesschreiben von Rentnerinnen und Rentnern, die sich für die prompten Zahlungen der AHV bedankten. Der das sagt, ist Heinz Burkhard. Er wirkt seit 36 Jahren bei der Ausgleichskasse des Kantons Bern, seit 20 Jahren als deren Direktor. Nun steht er vor der Pension. Am 1. September wird Heiner Schläfli seine Nachfolge antreten. Gestern war Stabübergabe.

 

Es war einmal…

 

Man könnte Heinz Burkhard den abgedroschenen Satz in den Mund legen: «Es ist nicht mehr wie früher». Dass heute vieles anders ist, zeigt folgendes Beispiel: Vor 36 Jahren, als Heinz Burkhard als 27-Jähriger an der Nydegggasse 13 in Bern bei der Ausgleichskasse angefangen hatte, mussten für Rentenanpassungen Pensionierte angeheuert werden, damit diese von Hand die Anpassung an die Teuerung ausrechneten. Im Sommer war dann die Arbeit erledigt, und die Rentner erhielten rückwirkend per 1. Januar die Rentenzuschläge ausbezahlt. Dies geschah ohne Reklamation. Heute werden Rentenerhöhungen auf den 1. Januar gutgeschrieben und in der ersten Januarwoche überwiesen. Für alle eine Selbstverständlichkeit. 

36 lange Jahre wirkte Heinz Burkhard (rechts) im Dienste der Ausgleichskasse des Kantons Bern. Im Berner Rathaus überreichte er gestern den Stab seinem Nachfolger Heiner Schläfli (links).
36 lange Jahre wirkte Heinz Burkhard (rechts) im Dienste der Ausgleichskasse des Kantons Bern. Im Berner Rathaus überreichte er gestern den Stab seinem Nachfolger Heiner Schläfli (links).

Die leidigen Missbräuche

  

Im Verlauf der Zeit wurde Heinz Burkhard zunehmend auch mit Problemen konfrontiert, die ihm früher fremd waren: mit Missbräuchen.

 

Da war jene Frau aus Köniz, die eigentlich in Mazedonien bei ihrer Familie wohnte. Die Adresse in Köniz behielt sie, damit sie in die Gunst der Ergänzungsleistungen kam, denn im Ausland Wohnhafte haben keinen Anspruch auf Ergänzungsleistungen. Gegen die Frau, eine Schweizerin, wurde Strafanzeige erhoben; sie wurde wegen Betrugs unlängst verurteilt.

 

Und da war jener Mann aus dem Berner Oberland, der IV-Leistungen und Hilflosenentschädigung bezieht. Obschon es ihm mittlerweile wieder besser geht, hat er das der IV-Stelle nicht gemeldet. Gegen ihn läuft ein Strafverfahren.

 

Und da sind Durchdiener im Militär, die eine Erwerbstätigkeit vorspiegeln, um möglichst hohe Taggelder der EO zu ergattern. «Solchen Fällen muss man nachgehen. Das ist mit personellem Aufwand verbunden», sagt der Oberstleutnant, der in Luzern aufgewachsen ist und in Bern Nationalökonomie studiert hat. Ein Aufwand, den es früher kaum gab.

 

Immer mehr Mitarbeiter

 

Als Heinz Burkhard 1990 die Direktion übernahm, zählte die Ausgleichskasse 80 Mitarbeiter; heute sind es 180. Warum wird der Apparat trotz EDV derart aufgebläht? Burkhard ist auf diese Frage vorbereitet. Er händigt fünf vollgeschriebene A4-Blätter aus. Darauf steht in Stichworten, was sich seit 1948 in der AHV verändert hat. Kaum ein Jahr, in welchem keine gesetzliche Neuerung in Kraft getreten wäre. Viele dieser Neuerungen hatten einen grossen Mehraufwand für die Ausgleichskassen zur Folge. So zum Beispiel die 10. AHV-Revision, als das Ehepaarrenten-System auf ein Individualrenten-System umgestellt wurde. Allein um diesen Mehraufwand aufzufangen, mussten sukzessiv zusätzlich 20 bis 25 Leute eingestellt werden. 1990 betreute die Ausgleichskasse des Kantons Bern rund 66'000 AHV-Rentner, heute sind es knapp 106'000, 60 Prozent mehr.

 

«Unsichtbare Flagge»

 

Reiten, Tauchen und Literatur zählt Burkhard zu seinen Hobbys. Zum x-ten Mal liest er derzeit die «Unsichtbare Flagge» von Peter Bamm, «weil er in knapper, klarer Sprache den kleinen Rest an Humanität in einer inhumanen Umwelt anschaulich schildert».

 

Nach der Pensionierung wird Heinz Burkhard nun vermehrt Mussestunden in seinem Holzhaus am Bielersee verbringen. Und um allfällige Verdächtigungen zu vermeiden: Er hat kein Motorboot der Marke Boesch oder Pedrazzini. Er hat eine Segeljolle Simoun 485.

 

Schläfli folgt auf Burkhard

Nachfolger von Heinz Burkhard ist der 49-jährige Betriebsökonom Heiner Schläfli. Er wirkt seit dem 1. Dezember 2008 als Abteilungsleiter und Mitglied der Geschäftsleitung bei der Ausgleichskasse des Kantons Bern. Zuvor arbeitete er in verschiedenen

Funktionen beim Bundesamt für Sozialversicherungen, zuletzt als Bereichsleiter Organisation und Rechnungswesen AHV.

 

Erschienen in der BZ am 24. August 2010


Claude Chatelain