«Big» ist nicht immer «beautiful»

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Manche Krankenkassen möchten möglichst gross werden. Sie begründen das mit Synergieeffekten und mit der Einkaufsmacht bei Spitälern. Bei näherem Hinsehen vermögen diese Argumente nicht zu überzeugen.

Big is beautiful. Wie die börsenkotierten Multis streben auch gewisse heimische Krankenkassen nach Grösse. Eine davon ist die Sanitas in Zürich. Vor vier Jahren hat sie der Winterthur die Krankenkasse Wincare abgekauft. Nun will sie sich auf Anfang 2011 mit der Berner KPT zusammenschliessen. Als Grund für dieses Machtstreben führen die Verantwortlichen immer die gleichen Argumente ins Feld: das Nutzen von Synergien sowie die Einkaufsmacht.

 

Je grösser, desto teurer

 

Beide Argumente sind nicht stichhaltig: Synergien nutzen heisst eigentlich nichts anderes als Kosten einsparen. Könnten also grosse Krankenkassen tatsächlich günstiger produzieren, müssten die Kosten pro versicherte Person unterdurchschnittlich sein. Doch das Gegenteil ist der Fall, wie der Statistik des Bundesamts für Gesundheit (BAG) zu entnehmen ist (Kasten). Die grossen Krankenkassen weisen in der obligatorischen Grundversicherung pro versicherte Person tendenziell höhere Verwaltungskosten aus. Besonders tiefe Verwaltungskosten haben die kleinen Kässeli vornehmlich im Wallis.

 

«Wir wissen, dass unser Betriebsaufwand überdurchschnittlich hoch ist, darum haben wir ja ein Kostensenkungsprogramm lanciert», sagt Helsana-Sprecher Rob Hartmans.

 

Günstige Atupri

 

Unterdurchschnittliche Verwaltungskosten weist dagegen die Berner Krankenkasse Atupri aus: 96 Franken pro versicherte Person. Das sind zweieinhalbmal weniger als bei Helsana, der Mutterkasse des grössten Krankenkassenkonzerns. Atupri-Chef Christof Zürcher begründet die tiefen Kosten mit den schlankeren Strukturen. «Nein, wir hegen keine Fusionsabsichten», erklärt er auf Anfrage.

 

Auch für die Kolping-Krankenkasse ist «big» keineswegs «beautiful». Das Bundesamt für Gesundheit wollte zwar die Kasse aus Dübendorf wegen zu geringer Reserven zu einer Fusion mit einer grossen Kasse bewegen. Doch Kolping fand einen anderen Weg und hat laut Geschäftsführer Egon Hürlimann nicht im Sinn, sich in die Arme einer grossen Kasse zu werfen.

 

Die Kundennähe zählt

 

Christoph Linder von der Krankenkasse Steffisburg erklärt, dass sich die meisten Kassen mit der Nähe zum Kunden profilieren wollten. Doch bei grossen Kassen sei dies mit hohen Kosten verbunden, weil sie dazu eine dezentrale Struktur benötigten. Die Krankenkasse Steffisburg könne jedoch ihre gut 8000 Versicherten locker und kundennah vom Hauptsitz in Steffisburg aus betreuen.

 

Ein Ammenmärchen

 

Und was ist vom Argument der Einkaufsmacht zu halten? Können Krankenkassenkonglomerate dank des grösseren Volumens tiefere Tarife aushandeln? «Ein Ammenmärchen», sagt Peter Kappert, Besitzer des Berner Privatspitals Sonnenhof. «Bei uns zahlen Atupri- oder Helsana-Kunden gleich viel.» Im Normalfall handelt der Krankenkassenverband Santésuisse im Namen seiner Mitglieder die Tarife in der obligatorischen Grundversicherung aus.

 

Zusatzversicherungen

 

Etwas anders funktioniert es bei den Zusatzversicherungen. Hier verhandeln die grossen Krankenkassen einzeln mit den Leistungserbringern wie etwa den Spitälern. Wobei hier die kleinen Kassen mit den grossen einen Zusammenarbeitsvertrag abschliessen. So ist es die Concordia-Krankenkasse aus Luzern, welche unter anderem auch im Namen von Atupri und Kolping Verträge aushandelt. Kolping zahlt dafür 40 000 Franken. «Das kommt uns günstiger zu stehen, als wenn wir selber verhandeln müssten», sagt Hürlimann.

 

Stellt sich die Frage, weshalb sich eine Kasse wie die KPT dennoch mit der Sanitas zusammenschliessen, ihre Selbstständigkeit aufgeben und damit zur drittgrössten Kasse der Schweiz mutieren will. Nicht auszuschliessen ist, dass der Beweggrund im Aktienmitarbeiterprogramm zu suchen ist, welches den KPT-Verwaltungsräten bei einer Fusion Millionen von Franken zuspülen würde.

 

Erschienen in der BZ am 16. August 2010

 

Claude Chatelain