Ein Luginbühl neben der Eingangstür

Ausgleich zum Büroalltag: Eine Skulptur des Berner Künstlers Bernhard Luginbühl.
Ausgleich zum Büroalltag: Eine Skulptur des Berner Künstlers Bernhard Luginbühl.

Nationale Suisse ist die neuntgrösste Versicherungs-gesellschaft der Schweiz. Sie ist aber auch eine bedeutende Sammlerin von Gegenwarts-kunst. Ein Besuch im Hauptsitz in Basel, der sich wie ein Museum präsentiert.

Neben der Eingangstür hängt eine wuchtige Eisenskulptur des Berner Künstlers Bernhard Luginbühl, in der Empfangshalle stechen grossformatige abstrakte Gemälde ins Auge. Und wer das Gebäude durch den Hintereingang betritt, erblickt als Erstes den «Cenodoxus Isenheimer Flügelaltar» von Jean Tinguely, über dem ein mit Federn geschmückter Ochsenschädel thront.

Herr über die Kunst: Kurator Andreas Karcher betreut die Sammlung von Nationale Suisse.
Herr über die Kunst: Kurator Andreas Karcher betreut die Sammlung von Nationale Suisse.

So präsentiert sich nicht etwa ein Kunstmuseum, sondern die Nationale Suisse an ihrem Hauptsitz in Basel. Seit 1943 sammelt die Versicherung Schweizer Gegenwartskunst. Mittlerweile ist die Sammlung auf rund 1400 Werke angewachsen, für deren Betreuung die Versicherung eigens einen Kurator beschäftigt. Andreas Karcher weiss, worauf er achten muss: Grossformatige Werke oder aufwendige Skulpturen wie jene von Tinguely sind für die Arbeitsräume weniger geeignet. «Angekauft werden darum vor allem Gemälde, Zeichnungen und Fotografien», so Karcher. Besonders wertvolle Arbeiten befinden sich in abschliessbaren Räumen, die wenigen grossformatigen Bilder stellt der Kurator im grosszügigen Eingangsbereich aus.

 

Sammlung in den Büros

 

Ein Grossteil der Sammlung befindet sich in den Büros. Jeder Mitarbeiter der Nationale Suisse hat Anrecht auf ein Bild, das er zusammen mit dem Kurator im hauseigenen Showroom aussucht. Um die Bilder von Cuno Amiet, Meret Oppenheim oder Yves Netzhammer korrekt zu rahmen und zu hängen, steht dem Kurator ein technischer Mitarbeiter zu Seite.

 

Andere Kunstwerke sind als Leihgaben in Museen anzutreffen. Die Nationale Suisse will ihre Sammlung einem breiteren Publikum bekannt machen – nicht nur im Eingangsbereich ihres Hauptsitzes. Dazu gehört auch der umfangreiche Sammlungskatalog oder Sammlungsausstellungen, wie zuletzt eine 2008 im Museum Franz Gertsch in Burgdorf stattgefunden hat.

Wandelhalle einer Versicherung: Auf der Galerie im Hauptgebäude sind ältere Arbeiten ausgestellt.
Wandelhalle einer Versicherung: Auf der Galerie im Hauptgebäude sind ältere Arbeiten ausgestellt.

Keine Vermögensinvestition

 

Dass Versicherungsgesellschaften Kunstwerke besitzen, ist nicht aussergewöhnlich. Auch die Mobiliar in Bern besitzt eine stolze Kunstsammlung, die sie regelmässig in thematischen Ausstellungen dem Publikum präsentiert. Doch zwischen der Mobiliar und der Nationale Suisse in Basel gibt es einen eklatanten Unterschied: Die Sammlung der Mobiliar hat offiziell einen Sachwert von 272 000 Franken, jene der Nationale Suisse ist – zumindest offiziell – 40-mal mehr wert, nämlich 11 Millionen. Doch dieser Wertunterschied ruft nach einer Relativierung: Die Nationale Suisse lässt ihre Sammlung jedes Jahr bewerten. Bei der Mobiliar hingegen wird ein Werkankauf in der Bilanz aktiviert, dann aber über wenige Jahre abgeschrieben. Die Mobiliar bildet also mit ihrer Kunstsammlung stille Reserven. «Die Pflege der Kunstsammlung betreiben wir nicht als Vermögensanlage», erklärt Regula Gutjahr, Mediensprecherin der Mobiliar. «Vielmehr steht dahinter der Förderungsgedanke und das Engagement für zeitgenössisches Kunstschaffen», erklärt sie weiter.

Bunte Arbeitswelt: Ein Mitarbeiter eilt an "Les vraies richesses" von Coghuf vorbei.
Bunte Arbeitswelt: Ein Mitarbeiter eilt an "Les vraies richesses" von Coghuf vorbei.

Auch die Nationale Suisse fördert mit ihrer Sammlung das Kunstschaffen. Doch das ist nicht alles: «Aus den Erfahrungen der Sammeltätigkeit haben wir herausragende Versicherungslösungen für unsere Kunden entwickelt», steht in einem Werbeprospekt. Denn: Das Versichern von Kunst ist eine Spezialität der Nationale Suisse. Somit ist die Kunstsammlung auch eine Art Visitenkarte, mit der die Versicherung Kompetenz und Sachverstand demonstriert.

 

Die Sammlung im Wandel


Diese Visitenkarte verändert sich im Laufe der Zeit. Denn wer Gegenwartskunst sammelt, geht immer auch das Risiko ein, dass sich ein bestimmter Künstler nicht auf dem Kunstmarkt behaupten kann und seine Bilder entsprechend keine kunsthistorische Bedeutung erlangen. Darum hat die Nationale Suisse dieses Jahr erstmals entsprechende Werke aus der Sammlung verkauft – «zu einem guten Preis an interessierte Mitarbeiter», wie Kurator Karcher verrät. Und auch ökonomische Trends haben einen Einfluss auf die Sammlung: «Die Tendenz zu Grossraumbüros und sogenannten Multispaces wird die Bilderhängung bei der Nationale Suisse nachhaltig beeinflussen», so Andreas Karcher. Mitarbeit: Stefanie Christ.

 

Erschienen in der BZ am 28. Juli 2010

Claude Chatelain