Vierte Säule: Falsche Anreize bei der IV

Schwangere Frauen haben ein monetäres Interesse, während der Schwangerschaft eine Erwerbstätigkeit aufzunehmen. So werden Selbstständigerwerbende flugs die Gattin auf die Lohnliste nehmen, sobald sich in ihrem Bauch etwas tut. Das wird nach der Niederkunft von der Mutterschaftsversicherung 14 lange Wochen fürstlich belohnt.

Dies habe ich kürzlich in dieser Zeitung beschrieben. Denn die Ausgleichskasse des Kantons Bern könnte 50 Fälle nachweisen, bei welchen Frauen in anderen Umständen ihr Pensum anhoben.

Mir ist auch klar, dass hier das Missbrauchspotenzial nicht in den Himmel wächst. Dies schrieb mir denn auch der Geschäftsleiter einer bekannten Pensionskasse mit rund 6000 Versicherten. Die grossen Missbräuche finden nach seiner Erfahrung in der IV statt. Doch halt: Der Mann spricht nicht von den Scheininvaliden à la SVP. Er spricht von Teilzeit beschäftigten Frauen, die bei den Abklärungen durch die IV behaupten, sie würden 100 Prozent arbeiten, wenn sie könnten.

 

Er schildert den Fall einer Frau, welche fast 20 Jahre lang in einem 40-Prozent-Pensum arbeitete. Als sie sich aus psychischen Gründen bei der IV meldete, erzählte sie, sie würde ab Sommer 100 Prozent arbeiten, wenn sie das aus gesundheitlichen Gründen könnte. Wegen dieser Aussage wird sie eine Dreiviertel- statt nur einer Viertelrente bekommen. Dabei arbeitet die Frau beim bisherigen Arbeitgeber unverändert in einem Teilpensum von 40 Prozent.

 

Warum wohl? Der Grund liegt in den verschiedenen Bemessungsmethoden: Bei Erwerbstätigen macht die IV einen Einkommensvergleich, bei Nichterwerbstätigen einen Betätigungsvergleich, und bei Teilzeit-Beschäftigten wendet sie die gemischte Methode an. Der Platz reicht hier nicht, die Bemessungsmethoden zu erklären. Tatsache ist aber, dass man beim Einkommensvergleich meistens besser wegkommt als beim Betätigungsvergleich. Deshalb hatte jene Frau erklärt, sie könnte sehr wohl 100 Prozent arbeiten.

 

Der Geschäftsführer der Pensionskasse erklärte mir, das zitierte Beispiel sei kein Einzelfall.

 

Erschienen in der BZ am 20. Juli 2010

Claude Chatelain