Vierte Säule: Ergreife das fallende Messer

«Ergreife nie ein fallendes Messer», sagten schon die Indianer. «Never catch a falling knife», sagen auch die Börsianer, wenn sie vor Schrammen warnen wollen. Vergangene Woche fiel der Swiss Market Index (SMI) auf unter 6000 Punkte. Mitte April notierte er noch bei 6990 Punkten. Somit hat das wichtigs-te Börsenbarometer der Schweiz in drei Monaten 15 Prozent eingebüsst.

Wie lautet nun der Ratschlag der Indianer konkret? Die Antwort ist simpel. Das Messer erst wieder anfassen, wenn es auf dem Boden aufgeprallt ist. Auf die Börse übertragen hiesse das, erst wieder Aktien kaufen, wenn sie den tiefsten Kursstand erreicht haben. Doch zwischen dem Messer und den Aktien gibt es einen eklatanten Unterschied: Beim Messer weiss man ziemlich genau, wann es auf dem Boden aufschlägt. Bei Aktien weiss man das nie – oder höchstens im Nachhinein.

 

«Selbst den erfahrensten Anlegern gelingt es höchst selten, den tiefsten Punkt zu erwischen», pflegt Deutschlands bekanntester und auch berüchtigtster Fondsmanager Heiko Thieme zu sagen. Wenn er doch häufig unrecht hat – diesmal hat er recht.

 

Wann soll man also Aktien kaufen, wenn man doch nicht weiss, wann die Kurse am tiefsten Punkt angelangt sind? Die dümmste Antwort ist jene, die man in diesem Zusammenhang am häufigsten hört: Zum Kauf sei dann zu raten, wenn alles darauf hindeute, dass die Kurse wieder anziehen. Na bravo: Als ob an der Wallstreet die Alarmglocken schrillten, wenn die Kurse wieder ansteigen.

 

Die Erfahrung zeigt hingegen, dass die Aktien gleich nach der Kehrtwende die höchsten Kursgewinne verbuchen. Wenn also der Investor realisiert, dass die Wende vollzogen wurde, ist es schon zu spät. Man denke etwa an den März 2009. Die meisten Auguren rieten zur Vorsicht. Und plötzlich schossen die Aktien in die Höhe. Nur nebenbei: Einen Monat vor jener Wende riet diese Zeitung: «Aktien kaufen – jetzt erst recht». Klammer zu.

 

Es spricht nichts dagegen, bei fallenden Kursen Aktien zu kaufen. Nicht alle Indianerweisheiten helfen weiter.

 

Erschienen in der BZ am 13. Juli 2010

Claude Chatelain