AHV: Mini-Zweigstellen sind Luxus

Im Kanton Bern gibt es um die 30 Gemeinden, deren AHV-Zweigstelle kaum etwas zu tun hat. Die Ausgleichskasse des Kantons Bern kann an dieser Ineffizienz nichts ändern. Bezahlt werden die Zweigstellen von der Gemeinde.

Die Gemeinde Schalunen hat eine eigene AHV-Zweigstelle: Die wöchentliche Arbeit ist in anderthalb Stunden erledigt.
Die Gemeinde Schalunen hat eine eigene AHV-Zweigstelle: Die wöchentliche Arbeit ist in anderthalb Stunden erledigt.

«Jedem Täli sein Spitäli.» Was für die Spitallandschaft gilt, gilt erst recht für die Landschaft der AHV-Stellen: 221 Zweigstellen zählt man im Kanton Bern. «Noch zu viele», findet Heinz Burkhard, Direktor der Ausgleichskasse des Kantons Bern.

 

Es hatte auch schon über 400 Zweigstellen gegeben. Als dann vor rund zehn Jahren der Grosse Rat beschlossen hatte, die Zahl zu halbieren, schlossen sich etliche Zweigstellen zusammen. Doch der Konzentrationsprozess sollte noch nicht abgeschlossen sein: Noch immer gibt es 28 Gemeinden mit weniger als 500 Einwohnern, welche einen eigenen Aussenposten der AHV betreiben (Tabelle). Anders gesagt: 31 Gemeinden finanzieren eine eigene Zweigstelle, bei welcher die wöchentliche Arbeit an einem halben Tag erledigt wird.

 

Schalunen an der Spitze

 

Den Vogel schiesst Schalunen ab: Dort wird die Arbeit in 3,5 Stellenprozenten erledigt. Zur Erinnerung: 100 Stellenprozente heisst, dass eine Person 100 Prozent angestellt ist. 10 Stellenprozente entsprechen daher einem halben Arbeitstag pro Woche. 3,5 Stellenprozente wären demnach weniger als die Hälfte eines halben Arbeitstages …

 

Die übertriebene Anzahl der AHV-Aussenstellen ist für die kantonale Ausgleichskasse mit Kosten verbunden, obschon nicht sie, sondern die politischen Gemeinden die Zweigstelle und deren Mitarbeiter bezahlen. Die Ausgleichskasse ist für die Logistik und die Ausbildung der Mitarbeiter besorgt. So ist es für sie ein Unterschied, ob sie 100 oder 221 Zweigstellen mit der notwendigen Informatik ausrüsten muss. 

Heinz Burkhard, Chef der AHV des Kantons Bern.
Heinz Burkhard, Chef der AHV des Kantons Bern.

Noch schwerer wiegt die Aus- und Weiterbildung: «Wenn ein Mitarbeiter vier Gesuche für Ergänzungsleistungen pro Tag bearbeitet statt nur eines pro Woche, so macht er es effizienter und professioneller», sagt Heinz Burkhard. Gesetze und Bestimmungen ändern laufend, so müssen die Zweigstellenleiter regelmässig Weiterbildungskurse besuchen. Doch Effizienz und Professionalität lassen sich nur schwer erreichen, wenn sich Mitarbeiter nur einen halben Tag pro Woche mit der komplizierten Materie befassen.

 

Die höchsten Kosten in Bern

 

Alles müssen aber die Gemeinden auch nicht bezahlen. Sie bekommen nämlich von der Ausgleichskasse des Kantons Bern einen Verwaltungskostenzuschuss. Heinz Burkhard will nicht verraten, wie hoch dieser im Einzelfall ausfällt. Doch eine Arbeitsgruppe des Bundesamtes für Sozialversicherungen (BSV) ist nach seinen Angaben zum Schluss gekommen, dass die Summe dieser Verwaltungskostenzuschüsse in keinem anderen Kanton so hoch sei wie im Kanton Bern.

 

Sind wohl diese hohen Verwaltungskostenzuschüsse der Grund, weshalb Kleinstgemeinden auch im Internetzeitalter an einer eigenen Zweigstelle festhalten? Heinz Burkhard verneint: Bei Kleinstgemeinden, die immer noch den Alleingang vorziehen, seien diese strikt umsatzorientierten Zuschüsse ein Trinkgeld. Ergo müssten andere Motive für die Strukturerhaltung überwiegen.

 

Offenbar fehlt den Gemeinden der Anreiz für Fusionen: «Wenn sich kleine Zweigstellen zusammenlegen, sparen die betroffen Gemeinden kaum etwas», sagt Ernst Steffen von der AHV-Zweigstelle in Spiez. Das hätten vergangene Fusionen aufgezeigt.

 

Thun und Spiez fusionieren

 

Einen finanziellen Anreiz haben dagegen die grösseren Gemeinden. Deshalb werden die AHV-Stellen in Thun und Spiez im kommenden Jahr fusionieren, was der Gemeinde Spiez Einsparungen von 100 000 Franken beschert. Damit schliessen sich die dritt- und fünftgrösste Zweigstelle im Kanton Bern zusammen. Die Ausgleichskasse des Kantons Bern spart damit kaum etwas. Sie würde nur sparen, wenn die Kleinstgemeinden ihre Kräfte bündeln würden.

Die 28 Kleinstgemeinden mit einer eigenen AHV-Zweigstelle

   
   
Gemeinde Region Einwohner
Champoz Berner Jura 153
Bangerten Seeland 154
Deisswil-Wiggiswil Mittelland 198
Châtelat-Monible-Rebévelier Jura 211
Roches Jura 227
Lohnstorf Mitteland 228
Häutligen Mitteland 230
Lütschental Interlaken-Oberhasli 243
Gadmen Interlaken-Oberhasli 250
Souboz-Sometan Jura 259
Gurbrü Mittelland 267
Kirchenthurnen Mittelland 277
Gündlischwand Interlaken-Oberhasli 279
Golaten Mittelland 307
Guttannan Interlaken-Oberhasli 316
Zauggenried Mitteland 323
Zielebach Emmental 328
Freimettigen Mittelland 360
Bleiken bei Oberdiessbach Mittelland 360
Belpberg Mittelland 383
Schalunen Mittelland 384
Oberstockholz Oberaargau 385
Wangenried Oberaargau 398
Wilerotligen Mittelland 410
Kernenried Emmental 440
Höchststetten-Herisau Emmental 443
Scheuren Biel/Bienne 452
Iffwil Mittelland 481
 

Erschienen in der BZ am 13. Juli 2010

Claude Chatelain