Warum Schwangere mehr arbeiten wollen

Wird das Pensum erhöht, erhält eine höhere Entschädigung.
Wird das Pensum erhöht, erhält eine höhere Entschädigung.

Seit fünf Jahren ist die Mutterschaftsversicherung in Kraft. Seither sind junge Mütter nicht nur finanziell besser geschützt. Sie haben auch alles Interesse, während der Schwangerschaft ihr Arbeitspensum zu erhöhen.

«Wir schätzen, dass in rund fünfzig Fällen schwangere Frauen eine Erwerbstätigkeit aufgenommen oder ihr Pensum erhöht haben», sagt Heinz Burkhard, Direktor der Ausgleichskasse des Kantons Bern.

Diese Beobachtung wirft Fragen auf. Zu erwarten wäre eher, dass werdende Mütter ihre Stelle vorübergehend aufgeben oder zumindest das Pensum reduzieren. So zumindest war es in der Vergangenheit üblich.

 

Doch so seltsam ist die Beobachtung von Heinz Burkhard nur aus biologischer, nicht unbedingt aus finanzieller Sicht. Werdende Mütter haben nämlich ein finanzielles Interesse, vor der Niederkunft ein möglichst hohes Gehalt einzustreichen. Der Mutterschaftsversicherung sei Dank.

 

So viel gibt es


Seit dem 1. Juli 2005 hat die Schweiz eine obligatorische Mutterschaftsversicherung. Bislang wurden den Müttern laut «Zentralschweiz am Sonntag» insgesamt 2,5 Milliarden Franken ausbezahlt. Die Höhe der Entschädigung beträgt 80 Prozent des Erwerbseinkommens, das durchschnittlich vor der Niederkunft erzielt wurde. Die Entschädigung wird in Form eines AHV-pflichtigen Taggelds ausbezahlt, wobei das maximale Taggeld 196 Franken pro Tag respektive 5880 Franken pro Monat beträgt. Die Mutterschaftsentschädigung wird 14 Wochen respektive 98 Tage ausbezahlt. Da kann es sich durchaus lohnen, zulasten der Sozialwerke flugs das Pensum zu erhöhen. 

«Wir schätzen, dass in rund fünfzig Fällen schwangere Frauen eine Erwerbstätigkeit aufgenommen oder ihr Pensum erhöht haben», sagt Heinz Burkhard, Direktor der Ausgleichskasse des Kantons Bern.
«Wir schätzen, dass in rund fünfzig Fällen schwangere Frauen eine Erwerbstätigkeit aufgenommen oder ihr Pensum erhöht haben», sagt Heinz Burkhard, Direktor der Ausgleichskasse des Kantons Bern.

Rechenbeispiel


Ein Beispiel: Eine Frau verdient bei einem 50-Prozent-Pensum 3000 Franken pro Monat. Nach der Niederkunft erhielte sie pro Tag 80 Franken, insgesamt 7840 Franken. Erhöht sie nun fristgerecht des Pensum auf 80 Prozent, kommt sie auf ein Monatsgehalt von 4800 Franken. Damit erhöht sich der Taggeldanspruch auf 128 Franken, insgesamt auf 12 544 Franken.

 

Gemäss diesem Beispiel brauchte die Frau während eines halben Jahres das 50-Prozent-Pensum auf 80 Prozent zu erhöhen, um damit insgesamt 4704 Franken mehr zu erhalten.

 

In vielen Betrieben wird der Arbeitgeber kaum bereit sein, das Pensum schwangerer Frauen telquel zu erhöhen. Einen besonderen Anreiz haben jedoch Selbstständigerwerbende oder Firmeneigentümer, bei welchen die Ehegattin im eigenen Betrieb tätig ist.Auffallend ist ferner, dass die Leistungen für Mutterschaft von Jahr zu Jahr deutlich stärker ansteigen als die Anzahl der Geburten. Wie ist das zu erklären?

 

Ungereimtheiten?


Gabriel Sottas vom Bundesamt für Sozialversicherungen erklärt dieses Phänomen zum einen mit der höheren Geburtenrate, zum anderen mit dem höheren Beschäftigungsgrad der Frauen, insbesondere der 25- bis 39-Jährigen.

 

Auch der Aargauer CVP-Nationalrätin Esther Egger-Wyss scheinen Ungereimtheiten aufgefallen zu sein. Sonst hätte sie nicht in einer Interpellation gefragt, ob dem Bundesrat «Formen von Missbrauch, speziell in der Mutterschaftsversicherung» bekannt seien. Der Bundesrat verneinte: «Zur Vermeidung von Missbräuchen bei der Mutterschaftsentschädigung sind die geltenden Bestimmungen nach Ansicht des Bundesrates ausreichend und effizient.»

 

Diese Haltung teilt Heinz Burkhard nicht. Wolle man unerwünschte Anreize im Graubereich vermeiden, müsste nach seiner Meinung derjenige Lohn als Bemessungsgrundlage dienen, der zwölf Monate vor der Niederkunft erzielt wurde.

 

Erschienen in der BZ am 12. Juli 2010

Claude Chatelain