Lysser Feintool in Front

Ausgerechnet ein exportlastiges Industrieunternehmen erzielte im abgelaufenen Semester den grössten Kurssprung unter den Berner Unternehmen: Feintool.

Feintool stellt Teile für die Autoindustrie her. Sie profitiert von der wachsenden Nachfrage nach  Audis und BMWs..
Feintool stellt Teile für die Autoindustrie her. Sie profitiert von der wachsenden Nachfrage nach Audis und BMWs..

Auto schlägt Bahn: Für einmal ist es nicht eine Bergbahn aus dem Berner Oberland, deren Aktienkurs die steilste Fahrt hinter sich hat. Diesmal ist es ein Industrieunternehmen aus dem Seeland, das die Rangliste der Berner Werte anführt: Feintool, der Autozulieferer aus Lyss. Die Aktien des an der Schweizer Börse kotierten Feinschneidespezialisten legten im ersten Semester 2010 um fast 50 Prozent zu. Schweizweit gehört Feintool zusammen mit Austriamicrosystems und Calida zu den drei Topperformern, wie im Börsenjargon die Sieger auch genannt werden.

 

Wo ist die Krise?


Da spricht man von einer noch nicht ausgestandenen Wirtschaftskrise; und da spricht man von einem rekordtiefen Euro – und doch soll ein exportabhängiges Industrieunternehmen den höchsten Aktienkurssprung verzeichnen? Einer der Gründe für den raketenhaften Anstieg ist im Basiseffekt zu suchen, denn in den Vorjahren sind die Aktien von Feintool überdurchschnittlich stark gefallen: von 490 auf 160 Franken, minus 67 Prozent.

 

Mit dem Schlusskurs per Ende Juni 2010 von 335 Franken ist also Feintool immer noch weit von jenen 490 Franken von Anfang 2007 entfernt – vom historischen Höchstwert von 818 Franken von Ende 2000 nicht zu sprechen.

 

Zudem blicken Aktionäre in die Zukunft und nicht in die Vergangenheit. Und diese hat sich auch für Zulieferer der Automobilbranche aufgehellt. So vermeldeten Audi, BMW und Mercedes eine explodierende Nachfrage und eine volle Auslastung bis in die Sommermonate. Laut «Handelszeitung» kommt das insbesondere dem Autozulieferer Feintool entgegen, weil dessen Teile mehrheitlich in teureren Fahrzeugen eingesetzt werden.

 

Vertrauen in Heinz Loosli


Ein weiterer positiver Effekt könnte man im neuen Management erkennen. Feintool war in den zurückliegenden Jahren mit häufigen Personalwechseln auf der Chefetage aufgefallen, was nie ein gutes Zeichen ist. Seit letztem Herbst ist nun Heinz Loosli am Ruder, ein langjähriger Feintool-Mann, der vorher die Division System-Parts erfolgreich geleitet hatte. Michael Inauen von der Zürcher Kantonalbank (ZKB) traut dem neuen Management durchaus zu, Feintool von den Altlasten zu befreien. Der ZKB-Analyst denkt etwa an die Länderorganisation in den USA, ein altes Problemkind von Feintool. «Wenn Heinz Loosli die problembelasteten Geschäftsfelder derart auf Kurs bringen kann wie einst die Division System-Parts, könnte dies den Aktienkurs stimulieren,» sagt Inauen.

 

Was macht Pieper?


Noch stärker hängt jedoch der Aktienkurs von den Käufen und Verkäufen der Grossaktionäre Fritz Bösch und Michael Pieper ab. Die beiden kontrollieren rund 30 Prozent des Aktienkapitals. Erst im April hat der Industrielle Pieper seinen Anteil aufgestockt. Auch dies hat dem Aktienkurs Auftrieb gegeben.

 

Erschienen in der BZ am 6. Juli 2010

Claude Chatelain