Vierte Säule: Schweizer Börse investiert unfreiwillig in Erdöl

Ölkatastrophe: Transocean zahlt Milliarden-Busse.
Ölkatastrophe: Transocean zahlt Milliarden-Busse.

Der Swiss Market Index (SMI) spiegelt die Aktienkursentwicklung der 20 grössten Schweizer Firmen. Wer also den Schweizer Markt abdecken will, kauft einen Anlagefonds, der getreu diesem Indizes investiert.   

Damit investiert man vor allem in die Pharma-, die Chemie-, die Uhren- und Nahrungsmittelindustrie sowie in die Finanzbranche – in typische Schweizer Unternehmen eben. Und man investiert auch in die Ölindustrie. Wie bitte? Was wie ein schlechter Witz daherkommt, ist seit gestern Tatsache. Das texanische Ölbohrunternehmen Transocean hat seinen Sitz in den Kanton Zug verlegt. Und weil Transocean an der Börse ein entsprechendes Gewicht hat, findet der Ölkonzern Aufnahme im SMI.

 

Rausgeworfen wird dafür die Versicherungsgesellschaft Swiss Life. Darüber können wir uns nur mässig freuen. Wie die BP-Aktie sind auch die Titel von Transocean in den Keller gefallen. Wie BP ist auch Transocean an der Umweltkatastrophe im Golf von Mexiko direkt beteiligt. Beide wurden mit Hunderten von privaten Klagen überhäuft. Spätestens seit dieser Katastrophe wissen wir: Ölaktien haben den Charakter von Spekulationspapieren. Das wäre kein Problem, wenn man solche Werte schnöde ignorieren könnte. Das kann man aber nicht, weil die Zuger Holding nun eben im SMI Aufnahme gefunden hat.

 

Wer den Index abbildet, muss Aktien von Transocean kaufen, auch wenn man lieber die Hände vom schmutzigen Öl liesse. Selbst die unverdächtige «Finanz und Wirtschaft» schreibt zu Transocean: «Wir müssen uns bewusst sein, dass es sich um risikoreiche Investments handelt, die nicht mehr in alle Portefeuilles passen. Nicht nur das finanzielle Risiko ist ins Kalkül zu ziehen, sondern auch das Reputationsrisiko.» Das gilt etwa für Pensionskassen. Sie investieren nahe am Index. Sie müssen die Aktien von Swiss Life im grossen Stil auf den Markt werfen und stattdessen Papiere von Transocean kaufen. Damit werden Hunderttausende von Schweizerinnen und Schweizer indirekt Aktionär von Transocean. Na bravo.

 

Erschienen in der BZ am 22. Juni 2010

Claude Chatelain