Zu viel Stress in den Spitälern

Die Bevölkerung des Kantons Bern weiss um die hohe Arbeitsbelastung der Spitalärzte und sieht die Behandlungsqualität gefährdet. Dies ergab eine Umfrage des Verbands der Assistenz- und Oberärztinnen und -ärzte.

Die Spitalärzte sind einer sehr hohen Arbeitsbelastung ausgesetzt. Sie müssen häufig mehr arbeiten, als das Arbeitsgesetz erlaubt. Das bernische Wirtschaftsamt Beco hat deshalb eine Untersuchung eingeleitet (Ausgabe vom 1.März 2010).

 

Noch ehe die Untersuchungsergebnisse auf dem Tisch liegen und die Spitäler die entsprechenden Korrekturen anbringen können, tritt der Verband Schweizerischer Assistenz- und Oberärztinnen und -ärzte (VSAO) vor die Medien und stellt die Ergebnisse einer Volksbefragung vor. Die Umfrage bei 517 ausgewählten Personen im Kanton Bern zeigt, dass sich die Befragten der überdurchschnittlichen Arbeitsbelastung der Spitalärzte bewusst sind. Sie fühlen sich durch die langen Einsatzzeiten der Mediziner verunsichert.

 

Zwölf Tage Arbeit am Stück

 

Laut VSAO-Geschäftsführerin Rosmarie Glauser trägt der Alltag in den Spitälern dem Umfrageergebnis kaum Rechnung. «Das Gesetz erlaubt sieben Tage Arbeit am Stück, in der Realität sind es oft zwölf und mehr Tage.» Die Höchstarbeitszeit von 50 Stunden werde in vielen Kliniken nicht eingehalten, Ruhetage würden nicht gewährt, Ferien und Pausen könnten nicht bezogen werden, Ruhezeiten beim Pikettdienst würden nicht berücksichtigt.

 

«Der Kostendruck darf nicht dazu führen, dass schlechte Arbeitsbedingungen und Verletzungen des Arbeitsgesetzes verharmlost und toleriert werden», sagt Glauser. Deshalb fordert der VSAO, «dass die Arbeitsbedingungen der Assistenz- und Oberärzte mindestens den Minimalstandards des Arbeitsgesetzes entsprechen».

 

Ärztliches Ethos

 

Der Kostendruck, der ab 2012 eher noch zunehmen dürfte, ist nicht der alleinige Grund für die Missstände im Spitalwesen. Laut Glauser gelten lange Arbeitszeiten bei Chefärzten immer noch als «Ausdruck von Leistungsfähigkeit, Leistungswille und ärztlichem Ethos». Assistenzärztinnen und -ärzte seien auf ihrem Weg zum Facharzt in besonderer Weise von ihren Vorgesetzten abhängig und daher gezwungen, deren Bedingungen zu akzeptieren. Gerade jungen Ärztinnen und Ärzten werde es schwer gemacht, im Interesse der Patienten auf die Schutzbestimmungen des Arbeitsgesetzes zu beharren.

 

Der Druck dürfte zunehmen

 

All das ist bekannt und wird nun vom Beco untersucht. Weshalb also diese Medienkonferenz? Rosmarie Glauser befürchtet, dass der Druck auf die Ärzte eher zunehmen werde, dass die Ärzte die Überstunden nicht mehr aufschreiben würden, um das Gesetz zumindest vordergründig einhalten zu können. Nach ihrer Auffassung müssten vorab die Strukturen angepasst werden, um dem Kostendruck zu begegnen. Es müsse ja nicht jedes Spital jede Leistung anbieten.

 

Dass insbesondere die Spitalärzte kleinerer Kliniken Mühe bekunden, die gesetzlichen Arbeitszeiten einzuhalten, ist Rosmarie Glauser bekannt. Sie meint: eher solche Kliniken schliessen, als Übertretungen des Arbeitsgesetzes zu tolerieren. 

 

KOMMENTAR: Nutzlose Umfrage

«Stellen Sie sich vor, Sie müssten sich im Spital operieren oder sonst medizinisch behandeln lassen. Sie erfahren dabei, dass der behandelnde Arzt bereits zwölf Stunden gearbeitet hat. Reduziert dies Ihr Vertrauen in die Qualität der vorgesehenen Behandlung?»

 

So lautet eine der Fragen, die der Verband Schweizerischer Assistenz- und Oberärztinnen und -ärzte (VSAO) über 500 ausgewählten Personen im Kanton Bern in einer Umfrage gestellt hat. Wenig überraschend beantwortete die grosse Mehrheit der Befragten die eingangs zitierte Frage mit Ja.

 

Nicht gefragt hat der VSAO, ob es die Leute toll finden, dass die Spitalkosten von Jahr zu Jahr überdurchschnittlich wachsen. Diese Frage wäre

mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit mit Nein beantwortet worden. Womit der Widerspruch aufgedeckt wäre.

 

Der VSAO setzt sich dafür ein, dass seine Mitglieder nicht unzählige Überstunden leisten und damit das Arbeitsgesetz verletzen müssen. Nun will er mit Umfrageergebnissen seinem Anliegen Nachachtung verschaffen. Doch der VSAO hat genügend Argumente für seine Sache. Er braucht sie nicht mit einer Befragung zu untermauern, die mit Suggestivfragen durchsetzt ist. Wer mit fragwürdigen Umfragen ins Feld zieht, macht sich höchstens lächerlich. Das ist kontraproduktiv.

 

Erschienen in der BZ am 9. Juni 2010


Claude Chatelain