KMU bleiben Versicherern treu

Die Lebensversicherungen geniessen in der beruflichen Vorsorge weiss Gott nicht den besten Ruf. Daraus zu schliessen, die Nachfrage nach deren Angeboten würde abnehmen, wäre verwegen. Das Gegenteil ist der Fall.

Abzocker, viel zu hohe Verwaltungskosten, himmeltraurige Leistungen, zu tiefe Umwandlungssätze – dieses und Ähnliches wurde im Vorfeld der jüngsten Abstimmung den Lebensversicherungen nachgesagt. Darauf wurde am 7.März 2010 an der Urne die Senkung des gesetzlichen Umwandlungssatzes haushoch verworfen, für welche sich insbesondere die Versicherer starkgemacht hatten.

 

Die Gewerkschaften machten im Abstimmungskampf keinen Hehl daraus, dass sie die Versicherer aus der beruflichen Vorsorge verbannen wollen. Rita Schiavi von der Gewerkschaft Unia sagte dieser Zeitung: «Die zweite Säule ist eine Sozialversicherung. Sie soll nicht dazu dienen, Aktionärsgewinne zu finanzieren.» Deshalb sollten sich kleinere Firmen nach Meinung der Gewerkschafterin den Gemeinschaftseinrichtungen und autonomen Sammelstiftungen anschliessen.

 

KMU sind träge

 

Bisher sind die KMU diesem Ruf nicht gefolgt. Und wie es scheint, werden sie diesem Ruf auch nicht folgen: «Schweizer KMU sind träge. Es braucht viel, damit sie eine Zusammenarbeit abbrechen», sagt Asga-Geschäftsführer Marcel Berlinger. Und Kurt Gfeller, Vizedirektor beim Schweizerischen Gewerbeverband, stellt fest: «Der Sicherheitsgedanken hat bei KMU einen sehr hohen Stellenwert.» Hinzu komme, dass sich KMU um nichts zu kümmern bräuchten, wenn sie die berufliche Vorsorge und womöglich noch andere Versicherungen bei der gleichen Versicherungsgesellschaft hätten. Sicherheitsgedanken? In der Tat bieten Lebensversicherungen grössere Garantien als autonomen oder halbautonome Sammelstiftungen (Infothek).

 

Kaum jemand kann den Markt besser beurteilen als die Basler Versicherungen: Sie führt seit 2007 neben der Vollversicherung auch die halbautonome Sammelstiftung Trigona. «Offertenanfragen für Trigona haben in letzter Zeit eher abgenommen; Anfragen für die Vollversicherung hingegen deutlich zugenommen», sagt Pascal Harder, Leiter Personenversicherung Unternehmensgeschäft bei der Basler Versicherungen. Diesen Trend begründet er mit einem einzigen Wort: «Finanzmarktkrise». Es sei ganz klar, dass die Firmen in solchen Zeiten zunehmend auf Sicherheit bauten und unter Umständen tiefere Renditen in Kauf nähmen. Als Gegenleistung gebe es dafür Garantien, welche für die berufliche Vorsorge von erheblicher Bedeutung seien.

 

Am Markt vorbeigezielt

 

Rund die Hälfte aller Firmen in der Schweiz haben bei einem Lebensversicherer eine Vollversicherung abgeschlossen. Pascal Harder zweifelt nicht , dass sich daran kaum etwas ändern wird, auch wenn die Gewerkschaften etwas anderes wünschten. «Das Schiessen auf die Vollversicherung ist nur politisch motiviert und zielt völlig am Markt vorbei.»

 

INFOTHEK: Autonom oder halbautonom?

Kleinere und mittlere Unternehmen (KMU) haben für die berufliche Vorsorge grundsätzlich zwei Möglichkeiten: bei einer Lebensversicherung eine Vollversicherung abschliessen oder sich einer autonomen bzw. halbautonomen Sammelstiftung anschliessen. Halbautonom bedeutet, dass die Stiftung das Vermögen verwaltet und die Risiken Tod und Invalidität bei einer Versicherung rückversichert.

 

Bei der Vollversicherung ist stets ein Deckungsgrad von 100 Prozent garantiert. Dafür sind im Schnitt tiefere Renditen und höhere Kosten in Kauf zu nehmen.

Autonome oder halbautonome Sammelstiftungen können indessen in eine Unterdeckung geraten, sodass die angeschlossen Unternehmen unter Umständen Sanierungsmassnahmen ergreifen müssen. Aufgepasst: Lebensversicherer bieten nicht immer die Vollversicherungslösung an. Die Zürich hat sich schon vor Jahren von dieser Garantie verabschiedet und führt mit der Vita die grösste halbautonome Sammelstiftung des Landes. Die Basler bietet beide Modelle an: Vollversicherung und die halbautonome Sammelstiftung Trigona. Swiss Life schliesslich bietet neuerdings neben der Vollversicherung ebenfalls eine teilautonome Variante an.

 

Erschienen in der BZ am 10. Mai 2010


Claude Chatelain