Was sollen Anleger jetzt tun?

Die Aktienkurse haben gestern ihre Talfahrt fortgesetzt. Der Swiss Market Index (SMI) liegt damit um 12,6 Prozent unter dem Wert von Mitte April. Was bedeutet dieser Kurssturz für die Schweiz? Und fünf weitere Fragen zur Börse.

1.  Die Aktienkurse sinken. Wie kritisch präsentiert sich die Situation?

Noch nicht dramatisch. Der Swiss Market Index (SMI) – das wichtigste Barometer für Schweizer Aktien – hat seit Mitte April rund 12,6 Prozent eingebüsst. Doch das gleiche Barometer stieg seit März 2009 bis Mitte April 2010 um 65 Prozent.

 

2. Ist der jüngste Kurssturz  eine vorübergehende Korrektur oder der Beginn eines langfristigen Abwärtstrends?

Wenn der Autor dieser Zeilen diese Frage mit Bestimmtheit beantworten könnte, wäre er jetzt auf dem Golfplatz und nicht am Computer. Dann wäre er so reich, dass er nicht mehr arbeiten müsste. Der erfahrene Markttechniker Alfons Cortés pflegt zu sagen: «Wir kennen die Zukunft nicht. Aber wir können die Gegenwart auf den Punkt bringen.»

 

3. Warum hat die Börse gerade jetzt korrigiert?

Es gibt immer Gründe, weshalb Aktienkurse steigen oder fallen könnten. Der jüngste Kurssturz wird der Schuldenkrise in Griechenland zugeschrieben. Die Marktteilnehmer befürchten, es könnte anderen Ländern gleich ergehen wie Griechenland. Das hätte dann eine Kettenreaktion zur Folge. Sicher ist, dass derzeiteine grosse Unsicherheit herrscht. Unsichere Zeiten haben immer grosse Kursschwankungen zur Folge.

 

4. Was bedeutet dieser Kurssturz für die Schweiz?

Für die Schweiz ist vor allem die Entwicklung des Euro alarmierend. Bis Anfang Woche hat es die Schweizerische Nationalbank geschafft, im grossen Stil Euros zu kaufen und damit den Kurs über Fr.1.43 zu stabilisieren. Mittlerweise ist der Euro aber weiter gefallen. Je tiefer die Einheitswährung, desto teurer werden die Exporte in den Euroraum und desto teurer werden für unsere Nachbarn Ferien in der Schweiz.

 

5. Was kümmert ein Aktiencrash an der Wallstreet die Leute, welche keine Aktien besitzen?

Wenn Aktien sinken, ist das generell schlecht für die Wirtschaft. Die Leute geben weniger Geld aus, die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen nimmt ab. Hinzu kommt, dass praktisch alle Schweizerinnen und Schweizer über ihre Pensionskasse indirekt auch Aktionäre sind.

 

6. Was sollen Anleger jetzt tun?

Langfristig orientierte Investoren dürfen sich durch kurzfristige Schwankungen nicht be-eindrucken lassen. Wer schon lange Aktien kaufen wollte, soll dies jetzt tun. Wie gesagt: Der SMI ist in drei Wochen um über 12 Prozent gefallen. Die 20 Aktien von ABB, CS, Nestlé, Swatch Group, UBS, bis hin zu Zürich Financial sind deutlich günstiger als Mitte April. Es gilt der Grundsatz: Kaufe in der Baisse. Verkaufe in der Hausse. 

Wallstreet: Grösster Verlust seit schwarzem Freitag

Der Kurseinbruch des Dow Jones Index hat die Anleger rund um den Globus verschreckt. War eine falsch eingegebene Order der Auslöser für den Rekordrutsch von zeitweise 1000 Punkten oder ein technischer Fehler?

 

Der Dow büsste am Donnerstag binnen zehn Minuten rund 700 Punkte ein. In der Spitze lag das Minus bei 9,2 Prozent. Dies war der grösste prozentuale Verlust seit dem schwarzen Freitag vom Oktober 1987. Bei Handelsende betrug das Minus nur noch 3,2 Prozent. Gestern hielt der Abwärtstrend bei grossen Kursschwankungen an: Der Swiss Market Index (SMI) verlor 2,85 Prozent.

«Das war der verrückteste Tag, den ich je hatte», beschrieb ein Optionenhändler den Donnerstag. «Es war schlimmer als 2008, der Markt fiel schneller und tiefer.» Theodore Weisberg, Chef von Seaport Securities und ein Veteran unter den Wall-Street-Händlern, sieht in der Schuldenkrise einen der Hauptgründe. «Es gibt fundamentale Probleme, und der Markt war reif für einen Ausverkauf.» Andere Börsianer urteilen ähnlich: «Das Thema Griechenland und das Risiko einer Ansteckung anderer Staaten wird die Aktienmärkte noch eine Weile begleiten», sagt einer von ihnen.

 

Erschienen in der BZ am 8. Mai 2010


Claude Chatelain