Vierte Säule: Die perfide Irreführung der Post

Postfinance? Gute Nacht.
Postfinance? Gute Nacht.

«Die Anbieter von Finanzprodukten vernebeln die Preise absichtlich», sagte jüngst der amerikanische Finanzmarktforscher Bruce Ian Carlin auf Bernerzeitung.ch. Wenn diese Worte auch auf Schweizer Institute zutreffen, dann am ehesten auf die Post. Kein anderes Finanzinstitut hat eine derart komplizierte Gebührenstruktur wie das Unternehmen, das uns allen gehört.

Die Post teilt uns in Set-Kunden ein: Man hat entweder ein Privat-Set, Online-Set, Ausbildungs-Set, Plus-Set oder Jugend-Set. Bei den meisten dieser Sets braucht man mindestens zwei Konti. Ab einem bestimmten Vermögen sind dann die Zahlungen kostenlos. Möglich ist auch, keine dieser Kategorien zu erfüllen, indem man zum Beispiel nur ein Konto führt und die Zahlungen nicht online tätigt. Dann ist man wahrscheinlich ein ganz gewöhnlicher Post-Kunde.

 

Das Depositenkonto hat einen höheren Zins als das für die Zahlungen gedachte Privatkonto. Da es für die Post einfacher ist, wenn der Kunde die Konti online bewirtschaftet, zahlt das elektronische Depositenkonto einen höheren Zins als das gewöhnliche Depositenkonto, das nicht online bewirtschaftet wird. Die elektronische Version heisst E-Depositenkonto.

 

Vielleicht, liebe Leser, sind Sie auch so dumm wie ich – oder auch so gutgläubig. Seit Jahren bin ich ein Online-Kunde. Seit Jahren gehe ich also guten Glaubens davon aus, mein elektronisch geführtes Konto sei mit dem höheren Zins gesegnet. Rein zufällig habe ich entdeckt, dass vor der Bezeichnung «Depositenkonto» kein E steht. Also habe ich nachgefragt und mit Empörung zur Kenntnis genommen, dass ich nur über ein gewöhnliches Depositenkonto mit dem tieferen Zins verfüge, obschon das Konto seit Jahren elektronisch bewirtschaftet wird. Ich hätte, so wurde mir gesagt, ausdrücklich ein E-Depositenkonto beantragen müssen.

 

Also noch einmal: Wenn man bei der Post elektronisch ein Depositenkonto führt, heisst das noch lange nicht, dass es auch ein E-Depositenkonto ist. Für die Post die normalste Sache der Welt. Für mich eine perfide Irreführung des Kunden.

 

Erschienen in der BZ am 4. Mai 2010

Claude Chatelain