Vierte Säule: Gesunder Menschenverstand? dass ich nicht lache

Selbst die liberalsten Gazetten geisseln die Abzockermentalität gewisser Manager. Doch wenn es darum geht, Lösungsansätze zu formulieren, versagen auch sie. In einem solchen liberalen Blatt, das ich sonst sehr schätze, musste ich tatsächlich lesen: «Es braucht keine neuen gesetzlichen Vorschriften, um weitere Fehlleistungen zu verhindern, sondern vor allem gesunden Menschenverstand.»

Mein Gott, was für eine Erkenntnis. Woher diesen gesunden Menschenverstand nehmen, wenn nicht stehlen? Die Wirtschaftswissenschaft basiert auf dem Modell des Homo oeconomicus. Dieser Homo maximiert seinen eigenen Nutzen. Dazu braucht er vor allem einen starken Hang für das Eigeninteresse.

 

Der Mensch ist nicht so vernünftig, wie das die Philosophen der Aufklärung weismachten. Auch intelligente Menschen handeln mitunter ziemlich unvernünftig. Die Hoffnung, der Topmanager würde dank seines gesunden Menschenverstands freiwillig auf Milliardenboni verzichten, basiert auf einem zu optimistischen Menschenbild. Adler brüten nun mal keine Tauben. Klar: Viele Menschen würden in ähnlichen Fällen Augenmass behalten. Doch solche Menschen landen meistens gar nicht auf Top-posten börsenkotierter Unternehmen. Ihr Lebensinhalt ist ein anderer.

 

Liberale Ökonomieprofessoren sagen nämlich auch: «Dort, wo der Markt versagt, muss die Politik Leitplanken setzen.» Bei der Honorierung von Topkadern hat der Markt offensichtlich versagt.

 

Eine andere Variante wäre, dem Abzocken Positives abzugewinnen. Man könnte nämlich ins Feld führen, dass ja Boni als Einkommen zu versteuern sind und somit die öffentliche Hand bei exzessiven Bezügen schön Kasse macht. Um diesen fiskalischen Effekt noch zu verstärken, könnte man die Besteuerung von Milliardenbezügen entsprechend hochschrauben, wie das die SP auch schon vorgeschlagen hat. Hier wiederum sind die liberalen Dogmatiker gar nicht einverstanden. Sie bauen lieber auf den gesunden Menschenverstand.

 

Erschienen in der BZ am 20. April 2010

Claude Chatelain