Vierte Säule: Die Mär vom Eigenmietwert

RBS-Zügli in Bolligen: Von da bis Bern sind es 11 Minuten. Zu wenig, um das Ammenmärchen vom Eigenmietwert zu entkräften.
RBS-Zügli in Bolligen: Von da bis Bern sind es 11 Minuten. Zu wenig, um das Ammenmärchen vom Eigenmietwert zu entkräften.

Als Ammenmärchen bezeichnet man ein weit verbreitetes falsches Wissen. Ein solches Ammenmärchen ist die Verknüpfung des Eigenmietwertes mit den Schuldzinsen.

Man bekommt nämlich immer wieder zu hören, bei der Amortisation der Hypothek solle man auf den Eigenmietwert achten. So versuchte mich ein Banker im RBS-Zügli zu belehren, weshalb die Schuldzinsen nicht tiefer sein sollten als der Eigenmietwert. Der Eigenmietwert sei als fiktives Einkommen zu versteuern, dafür könne man die Schuldzinsen vom steuerbaren Einkommen abziehen. Liege der Eigenmietwert über den Schuldzinsen, zahle man unter dem Strich mehr Steuern.

 

Die Fahrt zwischen Bolligen und Bern beträgt nur 11 Minuten. Mir blieb keine Zeit, dass Ammenmärchen zu entkräften. Also mache ich es hier: Massgebend ist nicht, wie viel Geld dem Steuervogt abzuliefern ist. Massgebend ist vielmehr, wie viel unter dem Strich übrig bleibt.

Meine Meinung: Wenn Sie die Hypothek abzahlen können, dann tun Sie es. Es sei denn, Sie legen das Geld so clever an, dass die Rendite die Schuldbelastung übersteigt.

 

Beispiel: Sie verfügen über 100'000 Franken, womit Sie die Hypothek von 500'000 amortisieren könnten. Der Hypozins beträgt 3 Prozent. Damit wird die Zinsbelastung nach Steuern je nach Grenzsteuersatz zwischen 2 und 2,5 Prozent betragen.

 

Das heisst: Mit dem Geld, das man zur Amortisation verwenden könnte, muss eine Rendite nach Steuern von mindestens 2 bis 2,5 Prozent resultieren. Somit muss man also bereit sein, die 100'000 Franken in Aktien zu investieren. Denn weder mit Sparkonti, mündelsicheren Obligationen noch mit Kassascheinen lassen sich derzeit Renditen nach Steuern von über 2 Prozent erzielen.

 

Soll man also auf die Amortisation verzichten und Aktien kaufen? Ja, aber nur, wenn Sie bereit sind, Kursschwankungen in Kauf zu nehmen. Und ob dann die Schlussabrechnung aufgeht, ist erst noch fraglich.

 

Was ist nun mit dem Eigenmietwert? Eben: Er ist in dieser Frage irrelevant.

 

Erschienen in der BZ am 13. April 2010

Claude Chatelain