«Einzelpraxen sind nicht die Form der Zukunft»

Beat Gafner, der neue Präsident der Bernischen Ärztegesellschaft.
Beat Gafner, der neue Präsident der Bernischen Ärztegesellschaft.

Der neue Präsident der Bernischen Ärztegesellschaft, Beat Gafner, will Hausärzte und Spezialisten nicht gegeneinander ausspielen.

 

Herr Gafner, haben Sie für Ihre Praxis bereits einen Nachfolger gefunden?

Beat Gafner: Wieso, sehe ich schon so alt aus?

Man sagt, Hausärzte sollten früh mit der Suche beginnen.

Das neue Amt des Präsidenten der Bernischen Ärztegesellschaft nimmt 50 Prozent meiner Arbeitszeit in Anspruch. In den anderen 50 Prozent werde ich noch zehn Jahre als Hausarzt tätig sein. Aber Einzelpraxen, wie ich sie betreibe, sind nicht die Form der Zukunft.

 

Sondern?

Wo kein Nachfolger gefunden werden kann, werden sich Einzelpraxen zusammenschliessen. So entstehen Gruppenpraxen, wo auch andere als nur ärztliche Tätigkeiten angeboten werden, zum Beispiel Physiotherapien.

 

Das wird kaum in jedem Tal möglich sein.

Nein, wo heute weit und breit nur ein Arzt praktiziert, wird die Einzelpraxis bestehen bleiben. 63 Prozent aller Arztpraxen im Kanton Bern sind Einzelpraxen. Vor acht Jahren waren es noch 68 Prozent.

 

In Niederscherli gibt es einen zweiten Hausarzt. Haben Sie die Labors schon zusammengelegt?

Nein. Man kann nicht einfach zwei Labors zusammenlegen. Wenn man zur engeren Kooperation schreitet, müssen die Praxen zusammengelegt werden.

 

Warum haben Sie das noch nicht gemacht?

Das ist nicht so einfach, obschon ich mit dem Kollegenehepaar, beide arbeiten in ihrer Praxis in Niederscherli, einen sehr guten Kontakt pflege. Eine Praxis besteht nicht bloss aus Räumlichkeiten. Jede Praxis hat auch eine eigene Philosophie. Diese muss auch zusammengeführt werden.

 

Machen Sie mit dem Labor Verlust?

Ja.

 

Und doch haben Sie die Praxen noch nicht zusammengelegt. Ist der Leidensdruck noch nicht gross genug?

Wir Hausärzte gingen ja vor einem Jahr nicht nur wegen der Labortarife demonstrieren, sondern weil sich die Gesamtheit der Rahmenbedingungen laufend verschlechtert.

 

Wo sehen Sie Schwerpunkte in Ihrer Arbeit als Präsident?

Ein grosses Anliegen ist mir, den Anteil der Frauen in unserer Organisation zu erhöhen. Im Vorstand der Ärztegesellschaft des Kantons Bern sind wir 16 Männer und eine einzige Frau.

 

Woran liegt das?

Das möchte ich auch wissen. Viele Ärztinnen arbeiten Teilzeit. Da bleibt ihnen womöglich nicht mehr genügend Zeit, sich daneben auch noch standespolitisch zu betätigen.

 

Als Präsident der Ärztegesellschaft vertreten Sie nicht nur die Hausärzte, sondern auch die Spezialärzte. Geht das überhaupt?

Hausärzte und Spezialärzte arbeiten täglich zusammen. Jeder Hausarzt hat ein Netz von Spezialisten, mit denen er zusammenarbeitet. Das ist ein Geben und Nehmen. Wir sind aufeinander angewiesen. Ferner sind viele Spezialisten für einen Teil ihrer Patienten der Hausarzt.

 

Ich meine nicht medizinisch, sondern politisch. Auf Grund der zum Teil starken Einkommensunterschiede klaffen auch die Interessen auseinander.

Der grössere Teil des Einkommens eines Facharztes wird nicht aus der obligatorischen Grundversicherung generiert. Ich bin grundsätzlich der Meinung, dass unsere Standesorganisation geeinigt und geschlossen aufzutreten hat. Wenn einzelne Gruppen damit anfangen, ihre Eigeninteressen durchzusetzen, schwächen sie die Verhandlungsposition der Ärzteschaft als Ganzes.

 

Wie sieht die Notfallorganisation in den ländlichen Gebieten in zehn Jahren aus?

Es werden immer mehr Kooperationen stattfinden, und zwar nicht nur unter den Ärzten, sondern auch zwischen Ärzten und Spitälern. Eine wachsende Bedeutung wird auch das ärzteeigene Callcenter Medphone haben. Bei Medphone steht rund um die Uhr eine Fachperson im Notfalldienst zur Verfügung.

 

Bei einem Notfall will ich nicht telefonieren, sondern mich untersuchen lassen.

Wichtiger als wo ist für den Hilfesuchenden die Frage, wie ich zur notwendigen Hilfe komme. Da bieten medizinische Callcenter wertvolle Dienste und mindern Blockierungen von Spitalnotfallpforten. 30 bis 50 Prozent der anfallenden Probleme können unsere Spezialisten am Telefon lösen.

 

In der Stadt mangelt es nicht an Ärzten – und doch rennen viele Leute beim kleinsten «Bobo» direkt in den teuren Spitalnotfall.

Das hat zum Teil kulturelle Gründe. Patienten mit Migrationshintergrund haben häufig keinen Hausarzt. Das Problem können wir lösen, indem neben Spitalnotfallstationen Notfallpraxen eingerichtet werden, welche mit Hausärzten besetzt sind. Das gibt es schon heute. So kann vor Ort entschieden werden, ob der Patient zum Hausarzt oder in den Spitalnotfall einzuweisen ist. Dieses Modell hat Zukunft.

 

ZUR PERSON

Geschichte und Archäologie sind seine Passion. Hausarzt ist sein Beruf. Und seit heute ist der 57-jährige Beat Gafner aus Niederscherli auch Präsident der Ärztegesellschaft des Kantons Bern und damit Nachfolger von Jürg Schlup. Für die Standesorganisation engagiert sich der Vater von zwei

erwachsenen Töchtern seit 1991. Er betreute die Kommission für Wirtschaftsfragen und amtete zuletzt als Vizepräsident der Gesellschaft.

 

Erschienen in der BZ am 1. April 2010


Claude Chatelain