Vierte Säule: Wenn Studien sagen, was man schon vorher weiss

Kettenraucher leben weniger lang. Das ist gut für die Sozialwerke.
Kettenraucher leben weniger lang. Das ist gut für die Sozialwerke.

Es steht schwarz auf weiss: Gesundheitsförderung und Prävention sind wirksam und lohnen sich volkswirtschaftlich. Das «beweist» eine Studie der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften in Winterthur und der Universität Neuenburg. In Auftrag gegeben wurde sie von der Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektoren und des Bundesamts für Gesundheit.

Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn die Autoren der Studie zu einem anderen Schluss gekommen wären. Doch Studienautoren kommen höchst selten zu einem anderen Schluss, als es die Auftraggeber wollen.

 

So ist in der Studie zu lesen, dass «die Prävention zu einer starken Reduktion der Sterblichkeit und der frühzeitigen Todesfälle geführt» habe. Der Gewinn für jeden investierten Präventionsfranken betrage zwischen 9 Franken in der Strassenverkehrsunfall-Prävention, 23 Franken in der Alkoholprävention und 41 Franken in der Tabakprävention.

 

Dass Prävention wirksam ist, erstaunt wenig. Aber lohnen sich Präventionsmassnahmen wirklich auch ökonomisch? Haben die Forscher die Wertschöpfung adäquat gemessen und sicher nichts vergessen?

Nehmen wir ein krasses Beispiel: Je besser die Prävention, desto weniger Rollstühle würden benötigt. Das wäre zwar höchst erfreulich, trägt aber nicht unbedingt zur wirtschaftlichen Wertschöpfung bei. Eine ganze Industrie käme in Nöten.

 

Beispiel Kettenraucher: Nikotinabhängige leben im Schnitt zehn Jahre weniger lang als Nichtraucher. Das entlastet die Sozialwerke. Wurde das in der Studie berücksichtigt?

Die Beispiele sind zynisch. Aber die Wirtschaft hat nun mal zynische Züge. Wer Wirtschaftlichkeit misst, muss die ganze Wahrheit erzählen.

 

Gestützt auf diese Studie, steht in einer Mitteilung: Prävention und Gesundheitsförderung seien auf gesetzlicher Ebene ungenügend verankert und müssten gestärkt werden. Bravo! Wetten, der Satz wurde formuliert, bevor die Studie in Auftrag gegeben wurde?

 

Erschienen in der BZ am 30. März 2010

Claude Chatelain