Vierte Säule: Über die soziale Abfederung in der ersten Säule

Wer mit einem tiefen Jahreseinkommen auskommen muss, soll bei einer Frühpensionierung weniger rigide Kürzungen der AHV-Rente hinnehmen müssen. Dies verlangen die Gewerkschaften im Rahmen der 11. AHV-Revision, die heute im Nationalrat ein weiteres Mal auf dem Programm steht. Eine Besserstellung der unterdurchschnittlich Verdienenden entspricht seit je einem linken Grundanliegen und ist an sich sympathisch.

Damit sollen AHV-Renten von einkommensschwachen Frührentnern weniger stark gekürzt werden, als dies auf Grund versicherungsmathematischer Berechnungen notwendig wäre. Man nennt dies eine «soziale Abfederung».

 

Freilich muss man wissen, dass Frühpensionierungen immer eine teure Angelegenheit darstellen – nicht nur bei Einkommensschwachen. Nur Leute mit einem dicken Finanzpolster und üppigen Pensionskassenleistungen können sich vorzeitige Pensionierungen leisten. Einkommensschwache hingegen können sich vorzeitige Pensionierungen ohnehin nicht leisten, selbst wenn die AHV-Rente überhaupt nicht gekürzt würde.

 

Zugegeben: Häufig werden Leute unfreiwillig in die Frühpension entlassen. Doch solche unfreiwillige Rentnerinnen und Rentner haben Anspruch auf Ergänzungsleistungen, sofern die gekürzten Renten zum Leben nicht ausreichen. Würde nun solchen Leuten die vorbezogene AHV-Rente sozial abgefedert, erhielten sie zwar eine höhere AHV-Rente, dafür weniger Ergänzungsleistungen. Ein Nullsummenspiel.

 

Und doch gibt es nicht wenige Schweizerinnen und Schweizer, die sich trotz tiefer Einkommen eine Frühpensionierung leisten könnten: die Teilzeitbeschäftigten, die vorab zum Zeitvertreib arbeiten. Zu denken ist etwa an Frauen gut verdienender Ehemänner.

 

Man kann es drehen und wenden, wie man will, sagte mir ein Sozialversicherungsexperte: «Soziale Abfederungen sind teuer. Jene, die es nötig hätten, können nicht davon profitieren. Und jene, die davon profitieren, haben es nicht nötig.»

 

Erschienen in der BZ am 2. März 2010

Claude Chatelain