Zu viele Ärzte arbeiten viel länger, als sie dürften

Assistenz- und Oberärzte dürften laut Arbeitsgesetz nicht länger als zwölf Stunden am Stück arbeiten. Und sieben aufeinanderfolgende Arbeitstage gelten auch für diese Berufsgruppe als Maximum. Ein frommer Wunsch.

Assistenz- und Oberärzte arbeiten länger, als sie dürften. Sie tun dies, weil man in Notfällen den eben eingelieferten Patienten nicht einfach sterben lässt. Und sie tun dies, weil der Personalbestand häufig zu knapp bemessen ist. So wird das kantonale Wirtschaftsamt Beco in einer Schwerpunktaktion ab Mitte März bis Ende Jahr die Einhaltung des Arbeitsgesetzes kontrollieren. Dies verlangt eine Motion der EVP-Grossrätin Marianne Streiff (Oberwangen).

 

Mängel festgestellt

 

Nach Auskunft von Sarah Schneider vom Bereich Arbeitsbedingungen beim Beco sind auf konkrete Hinweise hin schon vereinzelt Fälle kontrolliert worden. Es sind Verletzungen der Arbeits- und Ruhezeitverordnung festgestellt worden. So habe man Auflagen gemacht, und die Spitäler müssen Massnahmen ergreifen, um die Mängel zu beheben.

 

Wie Rosmarie Glauser, Geschäftsführerin des Verbands der Assistenz- und Oberärzte (VSAO), zu berichten weiss, sind in gewissen Spitalabteilungen die Stempeluhren so eingestellt, dass sie maximal zehn Stunden erfassen. Arbeitet der Arzt über diese Stunden hinaus, müsste er die Überzeit vom Chefarzt visieren lassen, was nicht selten zum demütigenden Hindernislauf werde. Manchmal ziehen es Ärzte deshalb vor, sich den Gang zum Chef zu ersparen.

 

Mangelnde Flexibilität

 

Nach Angaben von Frau Glauser ist es immer noch verbreitet, dass Ärzte zwölf Tage in Folge im Dienst stünden, obwohl nur sieben Tage erlaubt sind. Die zuständigen Stellen würden das mit Ausreden begründen. So werde etwa gesagt, habe ein Arzt von Montag bis Sonntag gearbeitet, müsse er auch am Montag Dienst tun, weil nur er wisse, was am Sonntag gelaufen sei. Für Glauser sind solche Ausflüchte auf mangelnde Flexibilität zurückzuführen. «Man kann die Sieben-Tage-Woche auch am Mittwoch beginnen», sagt Glauser.

 

«Stellenpläne sind nach bestimmten Schlüsseln berechnet, nicht aber auf längere Personalengpässe und gleichzeitige Spitzenbelastung ausgerichtet», sagt Beat Reber von der Spital STS in Thun. Sind also zum Beispiel nicht alle Arztstellen besetzt, eine Ärztin in Mutterschaftsurlaub und gleichzeitig ein Kollege verunfallt, müssten womöglich die anderen Ärzte der Equipe Dienste leisten, die über das gesetzlich vorgeschriebene Mass hinausgehen.

 

Kleine haben es schwer

 

«Besonders schwierig ist die Einhaltung der gesetzlichen Vorschriften für die kleineren Spitäler», sagt Reber. Je kleiner das Spital, desto kleiner die Belegschaft und desto geringer die Flexibilität bei der Ausarbeitung der Arbeitspläne. Jedes Spital müsse ja einen Notfall- und Pikettdienst aufrechterhalten. Wenn nun ein Minimum an Personal zur Verfügung stehe, könne es sehr wohl vorkommen, dass zum Beispiel die Vorschriften über die Ruhetage oder Pikettdienste nicht eingehalten werden. Zudem sieht das Arbeitsgesetz vor, dass während bestimmter Dienste sogenannte Zeitgutschriften anfallen, wie etwa ein Zuschlag bei Nachtarbeit von 10 Prozent. Solche Zeiten müssen wieder kompensiert werden können, was nur möglich ist, wenn stets genügend Personal zur Verfügung steht.

 

Erschienen in der BZ am 1. März 2010

Claude Chatelain