So hinterziehen die Deutschen

In Deutschland werden die Steuern dem Arbeitnehmer direkt vom Lohn abgezogen. Wie können nun die Deutschen bei diesem System in angeblich grossem Stil Steuern hinterziehen? Und: Welche Steuern werden hinterzogen?

Um es vorwegzunehmen: Deutschland kennt im Unterschied zur Schweiz keine Vermögenssteuer. Deponieren Deutsche ihre Gelder in Luxemburg, Österreich oder in der Schweiz, geschieht dies nicht zur Umgehung der Vermögenssteuer, sondern höchstens zur Umgehung der Einkommenssteuer, die bei gut verdienenden Bundesbürgern bis 45 Prozent des Einkommens ausmachen kann.

 

Bis 90 Prozent Angestellte

 

Doch jene 80 bis 90 Prozent der Deutschen, die in einem Arbeitsverhältnis stehen, können ihr Gehalt dem Steuervogt kaum vorenthalten. Denn die Steuern werden direkt vom Lohn abgezogen. Die potenziellen Steuerhinterzieher sind deshalb bei den Selbstständigerwerbenden und bei den Grossunternehmern zu suchen. Insbesondere Personen, die international vernetzt sind, bieten sich Möglichkeiten, ihre Steuern zu hinterziehen. So können sie Zahlungen ausländischer Kunden direkt aufs Konto in der Schweiz überweisen lassen, ohne dass sie je in der Buchhaltung auftauchen.

 

Hohe Abgeltungssteuer

 

Auch Arbeitnehmer können der Versuchung erliegen, Steuern zu hinterziehen. Die Zinsen und Dividenden sind nämlich ebenfalls zu versteuern. Liegen nun die Vermögenswerte auf einer Bank in Deutschland, so muss der Steuerzahler sie nicht selber deklarieren. Gemäss Jörg Walker, Leiter Steuern der Treuhandfirma KPMG Schweiz, werden diese mit der Abgeltungssteuer erfasst. Diese Steuer wird an der Quelle, zum Beispiel bei einer deutschen Bank, zurückbehalten. Sie beträgt pauschal 25 Prozent.

 

Nicht zu verwechseln ist diese Abgeltungssteuer nach deutscher Art mit der Verrechnungssteuer nach Schweizer Art. Im Gegensatz zur Abgeltungssteuer wird die Verrechnungssteuer dem Steuerzahler in der Schweiz beim ordentlichen Deklarieren von Zinsen und Dividenden zurückerstattet.

 

Damit nicht genug: Der Abgeltungssteuer von 25 Prozent unterliegen auch Kapitalgewinne. Kauft man Aktien im Wert von 100000 Franken und erzielt in einem tollen Börsenjahr einen Kursgewinn von 4000 Franken, so sind davon 1000 Franken dem Fiskus abzuliefern. In der Schweiz sind Kursgewinne steuerfrei.

 

So kann es für Deutsche aus finanziellen Überlegungen Sinn machen, ihr Erspartes auf einer Schweizer Bank zu parkieren. Nicht wegen der Steuerbelastung auf Zinsen und Dividenden. Denn die 35 Prozent Verrechnungssteuer, die in der Schweiz auf Zins- und Dividendenerträgen abgezogen werden, können Deutsche nicht zurückfordern. Interessant ist die Vermögensanlage bei Schweizer Banken wegen der steuerfreien Kursgewinne. Und interessant sind Investitionen in Anlagefonds, deren Erträge nicht der Verrechnungssteuer unterliegen. Solche gibt es zuhauf.

 

Der Fall Zumwinkel

 

Doch bei manchen der deutschen Steuersünder liegt das Vergehen viele Jahre wenn nicht Jahrzehnte zurück. Wie Steuerexperten und Bankenvertreter bestätigen, stammt das in der Schweiz vorhandene Schwarzgeld häufig von Erbschaften, welche weit zurückliegen. Auch der ehemaligen Postchef Klaus Zumwinkel, dessen Fall vor zwei Jahren aufflog, verfügte in Liechtenstein über vererbtes Schwarzgeld.

 

Wer vor vielen Jahren solches Schwarzgeld geerbt hatte, tat sich häufig schwer, es nachträglich zu deklarieren. Sei es, weil man die Eltern nicht desavouieren wollte, sei es, weil man dem Anreiz nicht widerstehen konnte, Vermögenserträge und Gewinne steuerfrei zu beziehen.

 

Erschienen in der BZ am 15. Februar 2010

Claude Chatelain