Den Pensionskassen gehts besser

Ein gutes Aktienjahr – und alles sieht viel besser aus. Die Pensionskassen der Region erzielten im abgelaufenen Jahr Renditen von 8 bis 15 Prozent. Bei der Bernischen Pensionskasse stieg der Deckungsgrad auf über 90 Prozent.

Vor Jahresfrist präsentierte sich die Situation bei den Pensionskassen desaströs. Bedrohliche 73,5 Prozent betrug Ende 2008 der Deckungsgrad bei der Bernischen Lehrerversicherungskasse (BLVK). Ein Jahr später waren es bereits 82 Prozent. Dies ist zwar immer noch viel zu wenig, um sich zurücklehnen zu können, zeigt aber, wie schnell sich die Situation ändern kann. Für die BLVK ist die Lage auch deshalb ungemütlich, weil sie noch immer mit einem technischen Zins von 4 Prozent kalkuliert (siehe Infothek). Das ist nach Ansicht von Experten zu hoch. Der technische Zins spiegelt vereinfacht gesagt die erwarteten Renditen.

 

BPK über 90 Prozent

 

Jeder Versicherte hat ein unmittelbares Interesse an einem hohen Deckungsgrad. Fällt dieser unter 90 Prozent, müssen laut gängiger Praxis Sanierungsmassnahmen eingeleitet werden. Für Erwerbstätige kann dies höhere Lohnabzüge oder den Verzicht auf die Verzinsung ihres Kapitals bedeuten.

 

Um einiges besse - oder weniger schlecht - ist die Lage bei der Bernischen Pensionskasse (BPK), bei der die kantonalen Angestellten versichert sind. Ende 2009 lag der Deckungsgrad über 90 Prozent, obschon die BPK den technischen Zins auf 3,5 Prozent senkte. Bei einem technischen Zins von 4 Prozent läge der Deckungsgrad gar bei 94,6 Prozent, wie der stellvertretende Direktor Hans-Peter Wiedmer bestätigt.

 

Sanierungsbedürftig mit einem Deckungsgrad von 84,4 Prozent ist die Pensionskasse der SBB. Der Kasse fehlen immer noch 2,2 Milliarden Franken. Immerhin: Vor einem Jahr betrug der Fehlbetrag noch 3 Milliarden Franken. Noch offen ist, wie weit der Steuerzahler zur Sanierung beitragen muss. Das eidgenössische Parlament wird in der Sommer- oder Herbstsession darüber befinden.

 

Nicht das Mass aller Dinge

 

Isoliert dargestellt verrät der Deckungsgrad nicht viel über die Potenz einer Pensionskasse. Vor allem auch deshalb, weil nur der Deckungsgrad eines bestimmten Stichtags – des 31.Dezember – berücksichtigt wird. Wenn schon, müsste der Deckungsgrad einer längerfristigen Betrachtung unterliegen. Ferner sind für die Beurteilung einer Pensionskasse auch der technische Zins und der Anteil der Rentner zu berücksichtigen (siehe Tabelle). Je höher der Anteil der Rentner, desto schwieriger gestalten sich die Sanierungsmassnahmen. Dies aus dem einfachen Grund, weil bei Sanierungen nur Arbeitnehmer und Arbeitgeber, nicht aber Rentnerinnen und Rentner herangezogen werden können. Ein Phänomen, mit welchem insbesondere die Pensionskasse SBB konfrontiert ist.

 

Beim Vergleich ausgewählter Pensionskassen fällt auf, dass ein überdurchschnittlicher Aktienanteil nicht unbedingt eine überdurchschnittliche Rendite zur Folge hatte. «Massgebend ist nicht nur der Aktienanteil per Ende Jahr, sondern auch die Frage, ob die Anlagestrategie eingehalten wurde», erklärt Christian Kaufmann, stellvertretender Direktor der BLVK. Um diese Strategie einzuhalten, hat die BLVK auch in den Monaten Januar und Februar Aktien nachgekauft, als die Dividendenpapiere günstig zu haben waren.

 

INFOTHEK

KOMMENTAR


Deckungsgrad: Verhältnis zwischen dem vorhandenen Vermögen und dem für die Finanzierung der Leistungen notwendigen Kapital. Bei 100 Prozent Deckungsgrad sind die Verpflichtungen gerade gedeckt.

 

Deckungslücke: Differenz zwischen dem vorhandenen Kapital und dem Kapital, das für die Deckung sämtlicher Verpflichtungen nötig ist.

 

Strategie: Jede Pensionskasse teilt das Gesamtvermögen auf Anlagekategorien auf. Für jede Kategorie werden Bandbreiten definiert. Beispiel: Der Anteil «Aktien Schweiz» beträgt 20 bis 30 Prozent des Vermögens. Fällt nun der Anteil «Aktien Schweiz» wegen fallender Kurse unter 20 Prozent, kauft die Pensionskasse Aktien, unabhängig vom Marktumfeld.

 

Technischer Zins: Zinssatz, der den versicherungsmathematischen Berechnungen zu Grunde liegt. Er basiert auf der erwarteten, langfristig erzielbaren Rendite. Er beziffert die Annahme, wie hoch das Deckungskapital während der laufenden Rentenzahlung verzinst werden kann.

Wie ging doch ein Aufschrei durchs Land, als Swisscanto vor einem Jahr verkündete, jede vierte Pensionskasse habe einen Deckungsgrad von unter 90 Prozent und müsse daher saniert werden. Die Basler SP-Ständerätin Anita Fetz verlangte darauf in einer Motion ein «Moratorium für einschneidende Sanierungsmassnahmen bei Pensionskassen in Unterdeckung». Finanz- und Wirtschaftskrisen seien der falsche Moment, um Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern höhere Beiträge abzuverlangen und damit das verfügbare Einkommen zu reduzieren. Diese Zeitung zeigte Sympathie für das Ansinnen von Anita Fetz. Beim Ständerat fand sie jedoch kein Gehör.

 

Jetzt, ein Jahr später, zeigt sich, dass ein Deckungsgrad von unter 90 Prozent keine Hyperaktivität auslösen dürfte. Ein überdurchschnittliches Aktienjahr – und schon sieht alles ganz anders aus.

 

Erschienen in der BZ am 12. Februar 2010 


Claude Chatelain