Wen die Rentenkürzung trifft

Wie wirkt sich der Umwandlungssatz auf meine Invalidenrente aus? Und 15 weitere Fragen zur Abstimmung vom 7.März 2010.

 

1. Ich bin Rentner. Ist es wirklich so, dass ich von der Senkung des Umwandlungssatzes nicht betroffen bin?

Ja. Die Senkung betrifft nur Leute, die in Zukunft pensioniert werden.

2. Warum sagen alle, der Umwandlungssatz soll von 6,8 auf 6,4 Prozent gesenkt werden? Der gesetzliche Umwandlungssatz beträgt ja 7 Prozent?

Zwanzig Jahre lang belief sich der gesetzliche Umwandlungssatz unverändert auf 7,2 Prozent. Heute beträgt er für Männer 7 Prozent, für Frauen 6,95 Prozent. Denn in der ersten BVG-Revision wurde eine schrittweise Senkung auf 6,8 Prozent beschlossen, die aber erst 2016 abgeschlossen sein wird.

 

3. Warum beträgt heute der gesetzliche Umwandlungssatz für Frauen bloss 6,95 und nicht 7 Prozent wie bei den Männern?

Weil die Frauen bereits mit Alter 64 ihre Rente erhalten – und nicht erst mit Alter 65 wie die Männer.

 

4. Müsste der Umwandlungssatz für Frauen nicht noch tiefer sein? Schliesslich leben Frauen deutlich länger als Männer.

Laut versicherungsmathematischen Berechnungen müsste der Umwandlungssatz für Frauen deutlich tiefer sein als für Männer – zumal die Frauen ihre Rente erst noch ein Jahr früher beziehen. Doch die berufliche Vorsorge ist eine Sozialversicherung. Hier gilt die Solidarität.

 

5. Warum muss nun der Umwandlungssatz erneut gesenkt werden, wenn doch erst kürzlich die Senkung von 7,2 auf 6,8 Prozent beschlossen wurde?

Die Senkung von 7,2 auf 6,8 Prozent ist mit der Alterung unserer Gesellschaft zu begründen. Je länger die Leute leben, desto mehr Renten müssen bezahlt werden. Deshalb kann man pro Jahr nicht mehr gleich hohe Renten zahlen wie früher. Die erneute Senkung auf 6,4 Prozent ist darauf zurückzuführen, dass die künftigen Finanzmarkterträge und insbesondere die Zinsen nicht mehr so üppig fliessen werden wie in den Achtziger- und Neunzigerjahren. Dies jedenfalls behaupten die Lebensversicherer und die betriebseigenen Pensionskassen.

 

6. Bei vielen Pensionskassenbeträgt der Umwandlungssatz heute 6,7 Prozent. Wie ist das möglich, wenn doch der gesetzliche Umwandlungssatz 7 Prozent beträgt?

Der gesetzliche Mindestumwandlungssatz gilt nur für den obligatorischen Teil des Alterskapitals. Die meisten Versicherten haben aber auch überobligatorisch angesparte Guthaben. Das Gesetz schreibt vor, wie hoch der versicherte Lohn, die Arbeitnehmer- und Arbeitgeberbeiträge im Minimum sein müssen. Bei den meisten Kassen liegen aber diese Werte darüber. Alles, was über das gesetzliche Obligatorium hinausgeht, sind überobligatorische Guthaben. Der Umwandlungssatz für diese überobligatorischen Guthaben ist gesetzlich nicht vorgeschrieben. Über seine Höhe entscheidet der Stiftungsrat. Viele Kassen entscheiden sich nun für einen Mischsatz. Das heisst, der obligatorische Teil wird mit 7 Prozent umgewandelt, der überobligatorische mit – zum Beispiel – 6 Prozent. Im Schnitt gibt es dann einen Mischsatz von zum Beispiel 6,7 Prozent.

 

7. Die Pensionskasse meines Arbeitgebers hat einen recht gut ausgebauten überobligatorischen Teil. Meine Arbeitnehmerbeiträge sind höher als gesetzlich vorgeschrieben. Wie wird sich das Abstimmungsresultat auf meine Rente auswirken?

Vermutlich überhaupt nicht. Ihr Pensionskassenguthaben setzt sich aus zwei Töpfen zusammen: dem obligatorisch und dem überobligatorisch angesparten Guthaben. Wird der obligatorische Teil mit einem zu hohen Umwandlungssatz in eine Rente umgewandelt, wird die Rente auf dem überobligatorischen Teil mit einem entsprechend tieferen Satz umgewandelt. Schon heute wenden sogenannte umhüllende Kassen – eben solche mit einem überobligatorischen Teil – auf dem gesamten Kapital einen Mischsatz an, der häufig unter dem gesetzlichen Umwandlungssatz von derzeit noch 7 Prozent liegt.

8. Wie wirkt sich die Senkungdes Umwandlungssatzes in Franken aus?

Das ist von Fall zu Fall verschieden. Klar ist es nur bei Minimalkassen ohne überobligatorisch angesparte Guthaben – sogenannten BVG-Kassen. Hier beträgt die vorgesehen Reduktion 0,4 Prozentpunkte. Auf ein Kapital von 100000 Franken sind das 400 Franken.

 

9. Wie wirkt sich der Umwandlungssatz auf meine Invalidenrente aus?

Die Pensionskasse versichert nicht nur das Alter, sondern auch den Tod und die Erwerbsunfähigkeit. Wenn Ihre Risikoleistungen, also namentlich die Invaliden- und Hinterlassenenleistungen, nach dem Beitragsprimat berechnet werden, sinken besagte Risikoleistungen bei einer Senkung des Umwandlungssatzes. Ist hingegen die Höhe der IV- und Hinterlassenenrenten vom Lohn abhängig, hat der Umwandlungssatz keinen Einfluss auf Ihre Risikoleistungen.

 

10. Ich bin Lehrer. Was habe ich persönlich für ein Interesse, dass der Umwandlungssatz nicht gesenkt wird?

Keines. Nur Beitragsprimatkassen haben einen Umwandlungssatz. Doch die Bernische Lehrerversicherungskasse (BLVK) funktioniert nach dem Leistungsprimat. Hier ist die Rentenhöhe vom Lohn abhängig. Beim Beitragsprimat dagegen ist die Rente eine Funktion des Alterskapitals. Dieses wird mit dem ominösen Umwandlungssatz in eine Rente umgewandelt.

 

11. Ist der Umwandlungssatz von 6,8 Prozent wirklich zu hoch? Ist es wirklich nicht möglich, eine Rente mit diesem Satz zu finanzieren?

Die Befürworter der Vorlage sagen, er sei zu hoch. Die Gegner sagen, er sei zu niedrig. Wer Recht hat, wissen wir nicht. Das wird erst die Zukunft zeigen. Beide Lager stützen sich auf Schätzungen und Vorhersagen.

 

12. Was ist vom Argumentzu halten, dass die Kassen bei einem zu hohen Umwandlungssatz besonders grosse Risiken fahren müssen, um die Rente finanzieren zu können?

Ein gewagtes Argument. Wenn dem so wäre, würden Kassen mit einer hohen Unterdeckung grosse Risiken fahren. Das Gegenteil ist der Fall.

 

13. Sind nicht auch die hohen Verwaltungs- und Beratungskosten der Grund, weshalb die Renten angeblich nicht finanziert werden können?

Der ehemalige Preisüberwacher Rudolf Strahm hat dies behauptet, was die Pensionskassenlobbyisten ziemlich auf die Palme brachte. Man darf davon ausgehen, dass der Vorwurf von Rudolf Strahm bei vielen Kassen zutrifft. Ob er aber flächendeckend berechtigt ist, ist schwierig zu beurteilen. Es ist aber fraglich, ob sich an den Beratungskosten etwas ändert, wenn der Umwandlungssatz nicht gesenkt wird.

 

14. Ich bin 30 Jahre alt. Washabe ich persönlich für ein Interesse an dieser Abstimmung? Bis ich pensioniert werde, sieht alles wieder anders aus.

Werden zu hohe Renten versprochen, die sich mit dem Alterskapital nicht finanzieren lassen, müssen Sie und die anderen erwerbstätigen Personen die nicht finanzierten Renten bezahlen. Das entspricht nicht dem Kapitaldeckungsverfahren, wo jeder seine eigene Rente finanziert.

 

15. Was spricht dagegen,wenn wir in der beruflichen Vorsorge ein Umlageverfahren haben wie in der AHV?

Beim Umlageverfahren zahlt die erwerbstätige Bevölkerung die Renten der Pensionierten, so wie das in der AHV der Fall ist. Doch bei der AHV ist die gesamte Bevölkerung der Schweiz in einem und demselben Vorsorgewerk versichert. In der beruflichen Vorsorge hingegen haben wir Hunderttausende verschiedene Vorsorgewerke. Nehmen wir das Beispiel einer Vorsorgeeinrichtung mit 1000 Aktivversicherten und 500 Rentnern. Angenommen, die Firma verkauft eine Tochtergesellschaft mit 600 Angestellten. Somit müssten im Umlageverfahren die in der Firma verbleibenden 400 Aktivversicherten die Renten von 500 Pensionierten zahlen. 

 

16. Angenommen, meineRente kann wegen des angeblich zu hohen Umwandlungssatzes nicht finanziert werden. Wer zahlt die Lücke?

Ihre noch berufstätigen Arbeitskolleginnen und Arbeitskollegen. 

 

INFOTHEK: Abstimmung vom 7. März

Am 7.März 2010 stimmt das Schweizervolk darüber ab, ob der gesetzliche Mindestumwandlungssatz in der beruflichen Vorsorge 6,8 oder 6,4 Prozent betragen soll. Bundesrat und Parlament beschlossen eine Senkung auf 6,4 Prozent. Gewerkschaften und Konsumentenpresse ergriffen dagegen das Referendum.

 

Der Umwandlungssatz ist jene Prozentzahl, mit welcher die Rente berechnet wird. Ein Kapital von 100000 Franken ergibt bei einem Umwandlungssatz von 6,8 Prozent eine jährliche

Rente von 6800 Franken. Sinkt der Umwandlungssatz auf 6,4 Prozent, gibt es nur noch 6400 Franken. 400 Franken weniger pro Jahr, 33 Franken weniger pro Monat, 8 Franken weniger pro Woche. Achtung: Zur Debatte steht nur der gesetzliche Mindestumwandlungssatz für das obligatorisch angesparte Guthaben. Die meisten Versicherten haben im Rahmen der beruflichen Vorsorge auch überobligatorische Guthaben angespart. Diese sind von der ganzen Debatte nicht tangiert.

 

Erschienen in der BZ am 9. Februar 2010


Claude Chatelain