"Ein Nein bestraft die Falschen"

Nicht die Versicherungsgesellschaften wären die Leidtragenden, wenn der Umwandlungssatz nicht gesenkt werden kann, sondern die erwerbstätige Bevölkerung. Dies sagt Ivo Furrer, CEO Swiss Life Schweiz.

Ivo Furrer.
Ivo Furrer.

Herr Furrer: Was macht Swiss Life, wenn das Schweizervolk die Senkung des Umwandlungssatzes ablehnt?

Ivo Furrer: Für Swiss Life hat das Abstimmungsresultat vom 7.März keine unmittelbaren Konsequenzen. Denn bei einer Ablehnung der Senkung des Umwandlungssatzes werden nicht die Versicherungsgesellschaften die Leidtragenden sein, wie das wiederholt gesagt wird, sondern die Beitragszahler, also die Erwerbstätigen, sowie die kleinen und mittleren Unternehmen (KMU).

 

Warum?

Schon heute findet eine Umlagerung von den Arbeitnehmern zu den Rentnerinnen und Rentnern statt. Also schon heute wird ein Teil der Renten durch die Erwerbstätigen mitfinanziert. Das ist nicht im Sinne des Kapitaldeckungsverfahrens, wie es für die berufliche Vorsorge vorgesehen ist, wo jeder seine Rente zusammen mit den Arbeitgeberbeiträgen selber finanzieren müsste.

 

Diese Quersubventionierung von Erwerbstätigen zu Rentnern würde also bei einem Nein noch verstärkt?

Genau.

 

Findet nicht eher eine Quersubventionierung vom überobligatorischen in den obligatorisch angesparten Spartopf statt?

Davon muss bereits heute in Ausnahmesituationen Gebrauch gemacht werden. Wenn der Umwandlungssatz auf dem obligatorischen Teil nicht finanziert werden kann, besteht die Möglichkeit, das Loch mit Erträgen aus dem überobligatorischen Sparteil zu stopfen.

 

Also ist ja der Ausgang der Abstimmung gar nicht so wichtig?

Das ist zu einfach. Es ist nicht im Sinne des Erfinders, die Fehlbeträge im obligatorischen Bereich mit Geldern zu finanzieren, die im Rahmen des Überobligatoriums angespart wurden.

 

Die Versicherer bieten ja noch BVG-Lösungen gemäss dem gesetzlichen Minimum an, also ohne überobligatorische Sparguthaben. Wie machen Sie es mit diesen Firmen, falls ein zu hoher Umwandlungssatz nicht finanziert werden kann? Hier ist ja eine Quersubventionierung nicht möglich.

Wie gesagt, dann sind die Erwerbstätigen die Leidtragenden. Sie werden bei einem Nein am 7.März im Alter eine tiefere Rente erhalten.

 

Wirklich? Müssten nicht die Arbeitnehmer- und Arbeitgeberbeiträge erhöht werden, um das Rentenloch zu stopfen?

Nicht unbedingt. Das Alterskapital wird ja nicht nur mit den Arbeitnehmer- und Arbeitgeberbeiträgen angehäuft, sondern auch mit den Erträgen aus den Finanzmärkten. Wenn der Umwandlungssatz zu hoch ausfällt, müssen die Renten mit diesen Erträgen mitfinanziert werden, die eigentlich den Erwerbstätigen zugutekommen müssten. Die Erwerbstätigen müssten sich dann mit dem Mindestzins zufriedengeben.

 

Folgerichtig wären doch bei einem Nein am 7.März solche BVG-Lösungen ohne überobligatorischen Sparteil gar nicht mehr anzubieten.

Dann würden wir die KMU bestrafen, welche auf solche Minimalkassen angewiesen sind. Viele KMU haben nicht die Mittel, neben den gesetzlichen Mindestvorgaben auch noch überobligatorische Sparbeiträge zu leisten.

 

Wollen Sie damit sagen, die Versicherer seien aufopfernd unterwegs?

Natürlich verfolgen wir als marktwirtschaftliches Unternehmen ökonomische Ziele. Ebenso tragen wir als Versicherer aber auch eine volkswirtschaftliche Verantwortung. Wir müssen KMU die Möglichkeit bieten, sich in der beruflichen Vorsorge risikolos versichern zu lassen.

 

Diese Möglichkeit bieten autonome Sammelstiftungen auch.

Sammelstiftungen oder betriebseigene Pensionskassen bieten aber keine Vollversicherung. Vollversicherung heisst, dass wir Garantien bieten. Der Deckungsgrad kann bei uns nicht unter 100 Prozent fallen. Arbeitnehmer und Arbeitgeber gehen bei einer Vollversicherung nicht das Risiko ein, bei einer Unterdeckung Sanierungsbeiträge zahlen zu müssen.

 

Die Versicherer sagen, mit der 2.Säule werde nicht das grosse Geld verdient. Warum aber kämpfen Sie denn so verbissen für diese Vorlage?

Wir erzielen in der beruflichen Vorsorge Renditen von 8, wenn es gut geht 9 Prozent. Dabei darf nicht vergessen gehen, dass in schlechten Anlagejahren die Aktionäre auch für mögliche Verluste einstehen. Letztlich müssen wir in diesem Geschäft unsere Kapitalkosten finanzieren können. Somit kämpfen wir für Rahmenbedingungen wie eben einen tieferen Umwandlungssatz, um die berufliche Vorsorge auf einer vernünftigen Basis betreiben zu können.

 

Mit der negativen Konsequenz, dass diese Rahmenbedingungen auch für die Sammelstiftungen und betriebseigenen Pensionskassen gelten, die aber im Unterschied zu den Versicherern keine Aktionäre befriedigen müssen.

Der Gewinn der Versicherer ist nicht abhängig vom Umwandlungssatz. Wie viel Gewinn wir abschöpfen können, ist mit der sogenannten Legal Quote genau definiert. Wie gesagt: Ein Nein am 7.März bestraft die Falschen: die Erwerbstätigen und die KMU.

 

 

Von den zwei Töpfen

Zur Person


Soll der gesetzliche Mindestumwandlungssatz in der beruflichen Vorsorge 6,4 oder 6,8 Prozent betragen? Diese Frage wird der Stimmbürger am 7.März an der Urne beantworten. Mit dem Umwandlungssatz wird das vorhandene Pensionskassenkapital in eine Rente umgerechnet. Bei einem Kapital von 100000 Franken und einem Umwandlungssatz von 6,4 Prozent beläuft sich die Jahresrente auf 6400 Franken.

 

Der gesetzliche Umwandlungssatz gilt nur für das obligatorisch angesparte Guthaben. Die meisten Vorsorgeeinrichtungen bieten freilich Leistungen an, die über das Obligatorium hinausgehen, überobligatorische Leistungen.

 

So setzt sich das Pensionskassenguthaben gewissermassen aus zwei verschiedenen Töpfen zusammen: dem obligatorischen und dem überobligatorischen. Auch das überobligatorisch angesparte Guthaben wird mit einem Umwandlungssatz in eine Rente umgewandelt. Die Höhe dieses Satzes bestimmt nicht der Gesetzgeber, sondern der Stiftungsrat.

Ivo Furrer (1957) ist seit September 2008 CEO von Swiss Life Schweiz. Seine berufliche Basis legte er mit seiner Dissertation über die berufliche Vorsorge. 1982 war der Doktor der Rechtswissenschaften bei der Winterthur unter anderem im Marketing tätig. 1992 übersiedelte Furrer in die USA, zwei Jahre später verschlug es ihn nach London, bevor er 1999 zur Credit Suisse Group wechselte, für die er eine Internetbank in Luxemburg entwickelte. Ab 2002 arbeitete Ivo Furrer bei den Zurich Financial Services, zunächst in Deutschland, wo er für das internationale Grosskundengeschäft verantwortlich war.

 

Erschienen in der BZ am 4. Februar 2010 


Claude Chatelain