Höheres Einkommen für Landärzte

Liegt ein Visana-Kunde auf dem Schragen, verdient der Oberländer Hausarzt mehr als bei einem Kunden einer anderen Krankenkasse. So will es ein Pilotprojekt der Visana bei 80 Grundversorgern im Berner Oberland.

Seit langem wird darüber geredet, die Arbeitsbedingungen für Landärzte zu verbessern. Bisher blieb es beim Reden. Nun haben der Berner Krankenversicherer Visana und die Ärztegesellschaft des Kantons Bern einen konkreten Vorschlag in die Tat umgesetzt: die Erhöhung des Taxpunktwertes um 2 Rappen für typische Landärzte, gültig ab 1.Januar 2010. Je höher der Taxpunktwert, desto höher das Einkommen.

 

80 Ärzte profitieren

 

Noch ist es erst ein Pilotprojekt. Und noch ist die Massnahme nicht flächendeckend. In dem auf zwei Jahre befristeten Projekt sind 80 Grundversorger im Berner Oberland involviert, rund 5 Prozent aller Ärzte im Kanton Bern. Die Hausärzte der Agglomerationen Thun, Spiez und Interlaken profitieren noch nicht von dieser Besserstellung. «Wir wollten ein Signal senden für Hausärzte in ländlichen Regionen», begründet Visana-Chef Peter Fischer das Auswahlkriterium.

 

Ein Signal sollte das Pilotprojekt auch für andere Akteure im Gesundheitswesen sein. Wie aber das Vorhaben ankommt, wird die Zukunft zeigen. «Ich werde bei meinen Kassenkollegen kaum Lob ernten», gestand gestern Peter Fischer an der Medienorientierung in Thun.

 

3000 Franken pro Jahr

 

Zumindest von den betroffenen Ärzten sei das Signal schon mal als positiv gewertet worden, bestätigte gestern Markus Husi, Präsident des ärztlichen Bezirksvereins Thun und Umgebung. Kein Wunder, sie können sich auf ein höheres Einkommen freuen. Nach Angaben von Jürg Schlup, Präsident der Ärztegesellschaft des Kantons Bern, kommen die betroffenen Ärzte im Schnitt auf ein jährliches Zusatzeinkommen von rund 3000 Franken. Würden alle Krankenkassen und nicht nur die Visana pro Taxpunktwert 2 Rappen mehr bezahlen, addierte sich das Zusatzeinkommen auf rund 10000 Franken pro Jahr.

 

Das heisst, dass die Visana mit ihren Schwesterkassen Sana24 und Vivacare in der vom Pilotprojekt betroffenen Region einen Marktanteil von rund 30 Prozent besitzt. Das heisst aber auch, dass die 80 Landärzte im Berner Oberland in den kommenden zwei Jahren an einem Visana-Kunden mehr verdienen als – zum Beispiel – an einem Helsana- oder Assura-Kunden.

 

Was heisst das für die Prämien? Wird der Visana-Kunde mit höheren Prämien bestraft? Peter Fischer winkt ab: Für den einzelnen Prämienzahler macht das gestern vorgestellte Pilotprojekt 1 Franken pro Jahr aus.

 

Unheilige Allianz

Der Krankenkassenverband Santésuisse und der Ärzteverband FMH sind bisher kaum mit gemeinsamen Lösungen aufgefallen. Anders die Visana und die Ärztegesellschaft des Kantons Bern. Das gestern vorgestellte Pilotprojekt zur Besserstellung von Landärzten ist nicht die erste gemeinsame Massnahme dieser vermeintlichen Kontrahenten. Sie haben das

Projekt Praxisassistenz gemeinsam initiiert. Und erst kürzlich haben sie eine gemeinsame Stellungnahme zur umstrittenen Frage der Medikamentenabgabe durch Ärzte abgegeben.

 

Erschienen in der BZ am 29. Dezember 2009

 



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Claude Chatelain