Vierte Säule: Über Punktlandungen bei Börsenprognosen

Welche Aktien sind die heissen Tipps für 2010? Wirtschaftsgazetten nehmen den Jahreswechsel jeweils zum Anlass, den Auguren exakt diese Frage zu stellen. Die Börsianer folgen diesem Aufruf nur widerwillig. Ende Jahr wird abgerechnet. Es werden Ranglisten erstellt. Und einige der vermeintlichen Experten werden mit ihren Vorhersagen noch weiter daneben zielen als der umtriebige Politologe Claude Longchamp mit seinem Politbarometer.

Diese Zeitung verzichtet auf solche Umfragen. Die Banken bedanken sich dafür. Denn Punktlandungen sind im Börsengeschäft nicht gefragt. Ich nenne ein erfundenes Beispiel: Ein Anlageexperte empfiehlt Novartis. Dies in der Erwartung, der mächtige Daniel Vasella werde zumindest eines seiner Top-Mandate abgeben. Das könnte dem Aktienkurs Auftrieb geben. Nun wird Vasella 2010 womöglich an seiner Machtfülle festhalten und sowohl Konzernchef wie VR-Präsident bleiben. Und er wird vielleicht erst 2011 einen Gang zurückschalten. Der Novartis-Kurs würde somit gemäss dieser Hypothese erst 2011 in die Höhe schnellen. In der Endabrechnung per Ende 2010 macht aber der Berater eine schlechte Figur – und doch war der Tipp nicht schlecht. Wie gesagt: Punktlandungen machen im Aktiengeschäft keinen Sinn.

 

Eigentlich bin ich persönlich so oder so der Meinung, dass es Privatanleger lassen sollten, einzelne Aktien zu kaufen. Mit Anlagefonds ist man besser bedient.

 

Es sei denn, man betrachtet die jährlichen Aktienprognosen als ein Spiel. Das Dumme ist nur, dass der Leser dies nie als ein Spiel betrachten wird. Sie werden die Prognosen beherzigen und die Experten Ende Jahr daran messen. Schliesslich sind nicht Affen am Werk, sondern eben Experten, denen man fälschlicherweise unterstellt, Aktienkursentwicklungen voraussagen zu können.

 

A propos Affen: Es gab tatsächlich Tests, in welchen Affen mit Dartpfeilen auf Kurszettel warfen und damit Aktien auswählten. Auch Experten tippten im gleichen Test auf bestimmte Aktien. Pech für die Experten: Die Affen schnitten im Test nicht schlechter ab.

 

Erschienen in der BZ am 22. Dezember 2009

Claude Chatelain