Wenn die Waage kippt

Je stärker die Alterung wiegt und je weniger stark die Anlagerenditen zu Buche schlagen, desto eher kippt die Waage – desto dringender müssen künftige Renten der Entwicklung angepasst werden. Das letzte Wort hat das Volk.

Dass die Lebenserwartung im Steigen begriffen ist, ist nicht neu. Neu ist aber, dass sie stärker ansteigt als erwartet. Das zeigen die aktuellen technischen Grundlagen «VZ 2005» der Pensionskasse der Stadt Zürich. Die Daten basieren auf Angaben von 15 kantonalen und kommunalen Pensionskassen und sind laut Bundesamt für Sozialversicherungen repräsentativ.

 

Im Jahr 2006 hatte ein 65-jähriger Mann eine Restlebensdauer von 18,99 Jahren. Wer jedoch erst im Jahr 2015 das 65.Altersjahr erreicht, wird laut Hochrechnung eine Restlebensdauer von 20,37 Jahren aufweisen. So viel zu den Zahlen laut «VZ 2005».

 

Früher zu pessimistisch


Doch gemäss den statistischen Grundlagen, die fünf Jahre früher laut «VZ 2000» eruiert wurden, beträgt dieser Wert «bloss» 18,65 Jahre, fast 2 Jahre weniger. Das heisst, die Lebenserwartung steigt stärker als ursprünglich angenommen.

 

Das ist Wasser auf die Mühlen der Befürworter einer Senkung des Umwandlungssatzes (siehe Kasten). Gestern erklärte der neue Bundesrat Didier Burkhalter an einer Medienkonferenz in Bern, weshalb es für die berufliche Vorsorge wichtig ist, den gesetzlichen Umwandlungssatz von 6,8 auf 6,4 Prozent zu senken. «Ist der Umwandlungssatz zu hoch, könnten Pensionskassen versucht sein, zu hohe Risiken einzugehen, um mit dem vorhandenen Kapital eine möglichst hohe Rendite zu erwirtschaften», sagte der neue Sozialminister. Zu hoch ist der Umwandlungssatz deshalb, weil auf der einen Seite die Leute immer älter werden und auf der anderen Seite die Finanzmärkte nicht mehr jene Renditen hergeben wie in früheren Jahren.

 

Bundesrat und Parlament stimmten dieser Senkung auf 6,4 Prozent zu. Am 7.März 2010 muss nun auch das Schweizer Stimmvolk über diese Senkung befinden, weil namentlich die Gewerkschaft Unia gegen die Gesetzesänderung das Referendum ergriffen hatte.

 

Jahrelang 7,2 Prozent

 

1985 trat das Bundesgesetz über die berufliche Vorsorge (BVG) in Kraft. In den ersten 20 Jahren blieb der Umwandlungssatz unverändert bei 7,2 Prozent. Auf ein Kapital von 100000 Franken gab es also eine jährliche Rente von 7200 Franken.

 

Insbesondere nach dem Platzen der Technologieblase Anfang Jahrhundert vermochten die Vorsorgeeinrichtungen auf den Finanzmärkten nicht mehr jene Renditen zu erzielen, die es braucht, um mit 100000 Franken eine Rente von 7200 Franken zu finanzieren. Somit wird nun laut geltendem Recht der Umwandlungssatz bis ins Jahr 2016 schrittweise auf 6,8 Prozent gesenkt. Heute, im Jahr 2009, gilt für Männer ein Umwandlungssatz von 7,05 und für Frauen von 7,0 Prozent.

 

Insbesondere die Versicherungsgesellschaften vertraten schon früh die Meinung, auch 6,8 Prozent sei zu hoch. Der Umwandlungssatz sei auf 6 Prozent zu senken. Das Parlament entschied sich schliesslich – wie gesagt – für 6,4 Prozent.

 

Die Rede ist hier nur vom Umwandlungssatz auf dem obligatorischen Teil. Was das überobligatorisch angesparte Guthaben betrifft, kann dieses zu einem tieferen Satz in eine Rente umgewandelt werden (siehe Kasten).

 

Rentner nicht betroffen

 

Besonders wichtig: Die Kürzung von Renten betrifft nur künftige Rentner, wie Burkhalter gestern mehrmals betonte. Die heutigen Rentner sind von der Kürzung nicht betroffen. Ihre Renten werden je nach Eintritt in den dritten Lebensabschnitt immer noch mit einem Satz von 7,2 Prozent umgewandelt und unter Umständen durch die aktiv Beschäftigten quersubventioniert.

 

Didier Burkhalter wörtlich: «Wer Nein sagt zur BVG-Revision, spricht sich für Unsicherheit in der zweiten Säule aus und spielt mit den Renten Casino.»

 

INFOTHEK: Zwei Töpfe

Der Umwandlungssatz ist eine der wichtigsten Ziffern in der beruflichen Vorsorge. Mit diesem Prozentsatz wird das vorhandene Kapital in eine Rente umgerechnet. Bei einem Kapital von 100000 Franken und einem Umwandlungssatz von 6,4 Prozent beläuft sich die Jahresrente auf 6400 Franken.
Die meisten Vorsorgeeinrichtungen haben neben dem obligatorischen auch einen überobligatorischen Teil. Das Bundesgesetz über die berufliche Vorsorge (BVG) schreibt minimale Bestimmungen vor: eben den minimalen Umwandlungssatz, die minimalen Arbeitnehmer- und Arbeitgeberbeiträge oder der minimale versicherte Lohn. Den Vorsorgeeinrichtungen ist es jedoch freigestellt, Leistungen anzubieten, die über das gesetzliche Minimum hinausgehen. Es sind dies eben die

 

 

überobligatorischen Leistungen. Die Arbeitgeberbeiträge, die über dem Minimum liegen, fliessen ins Überobligatorium. Somit besteht das Vorsorgeguthaben aus zwei Töpfen: dem obligatorischen und dem überobligatorischen Topf.

 

Der gesetzliche Umwandlungssatz, über den am 7.März 2010 abzustimmen sein wird, betrifft nur den obligatorischen Teil. Wie hoch der Umwandlungssatz für den überobligatorischen Topf ausfällt, liegt daher im Ermessen des Stiftungsrats. So werden schon heute häufig für den überobligatorischen und den obligatorischen Teil unterschiedliche Umwandlungssätze angewandt. Häufig benutzen Pensionskassen einen Mischsatz, der unter dem obligatorischen Minimum liegt.


Burkhalter: "Bei einem Nein wäre die berufliche Vorsorge gefährdet"

Didier Burkhalter, Sozialminister.
Didier Burkhalter, Sozialminister.

Bei einem zu hohen Umwandlungssatz gehen Pensionskassen zu hohe Risiken ein, sagt Sozialminister Didier Burkhalter.


Herr Burkhalter: Was passiert, wenn das Stimmvolk am 7.März 2010 die Senkung des Umwandlungssatzes ablehnt?

Didier Burkhalter: Bei einem Nein wäre die berufliche Vorsorge gefährdet. Und dann laufen wir Gefahr, dass die Pensionskassen zu hohe Risiken eingehen müssen, um die hohen Renten finanzieren zu können.

 

Ist es nicht so, dass gar nicht viel passieren würde? Die Pensionskassen würden auf dem überobligatorischen Teil einen tieferen Satz anwenden und kämen somit auf einen Mischsatz von unter 6,8 Prozent.

Das wird nicht bei allen Vorsorgeeinrichtungen funktionieren. Der überobligatorische Teil ist nicht bei allen gross genug, um diesen Ausgleich zu schaffen. Man kann nicht endlos Gelder vom überobligatorischen in den obligatorischen Teil hinüberschaufeln. Und denken Sie an die rund 500000 Versicherten, die gemäss dem obligatorischen Minimum versichert sind. Diese haben keinen überobligatorischen Teil, den man für die Finanzierung der Renten auf dem obligatorischen Teil heranziehen könnte.

 

Bei Vorsorgeeinrichtungen ohne überobligatorischen Teil müssten die anderen zahlen.

Welche anderen? Die aktiv Beschäftigten? Genau. Dies ist aber in keiner Weise erwünscht. Es geht nicht an, dass die Aktiven die laufenden Renten mitfinanzieren müssen. Die Arbeitnehmer- und Arbeitgeberbeiträge sind für die eigenen Renten bestimmt, nicht für jene der Rentner. In der AHV haben wir das Umlageverfahren: Da zahlt die erwerbstätige Bevölkerung die Renten. In der beruflichen Vorsorge haben wir das Kapitaldeckungsverfahren. Da muss jeder seine Rente selber finanzieren.

 

Wäre es nicht besser, für den obligatorischen und überobligatorischen Teil den gleichen minimalen Umwandlungssatz zu fordern?

Das ist nicht im Sinne des Gesetzgebers. Wir setzen Spielregeln für den gesetzlichen, den obligatorischen Teil. Für den überobligatorischen Teil sollen die einzelnen Vorsorgewerke möglichst viel Gestaltungsspielraum haben.

 

Glauben Sie, der Bürger kommt da noch draus? Das System der beruflichen Vorsorge ist doch viel zu kompliziert.

Es ist eine Herausforderung, das System der beruflichen Vorsorge der Bevölkerung zu erklären. Dass aber der Umwandlungssatz wegen der Alterung und den sinkenden Renditeerwartungen angepasst werden muss, kann man der Bevölkerung sehr wohl erklären.

 

Erschienen in der BZ am 8. Dezember 2009

Claude Chatelain