Vierte Säule: Gerade im Alter sind Garantien wichtiger als die Rendite

Bei manchen Eidgenossen gipfelt der wichtigste Finanzentscheid in der Frage, ob das Lohnkonto bei der Post oder bei einer Bank eröffnet werden soll. Wertschriften, Steueroptimierung oder Vorsorgeplanung interessiert sie nicht. Doch auch solchen Menschen bleibt vor der Pensionierung ein einschneidender Entscheid nicht erspart, sofern sie in der beruflichen Vorsorge versichert sind. Der Entscheid, eine Rente oder das Kapital zu beziehen.

Das Abwägen der Vor- und Nachteile beider Varianten ist insofern schwierig, als die wichtigste Frage in den überwiegenden Fällen nicht beantwortet werden kann: die Frage der verbleibenden Lebensdauer. Sollte man hundert Jahre alt werden, wäre die Rente vorzuziehen. Stirbt man ein Jahr nach der Pensionierung, sind zumindest die Erben mit dem Kapitalbezug besser bedient.

 

Vorsorgeberater plädieren häufig für den Vorbezug. Es ist einfach, mit Prognosen vorzurechnen, dass die Rente rechnerisch schlechter ist. Man kann davor warnen, dass die Rente wegen der Inflation an Wert verliert. Noch mehr zieht das Steuerargument: Die Rente ist als Einkommen zu versteuern; der Kapitalverzehr ist steuerfrei. Die Argumente sind nicht immer uneigennützig: Berater verdienen kein Geld, wenn sich der Kunde für die Rente entschliesst und nichts anzulegen hat.

 

Das Plädoyer für den Kapitalbezug ist nicht immer dem kommerziellen Eifer zuzuschreiben. Oft fehlt es an Lebenserfahrung. Finanzberater sind häufig noch jung. Sie haben noch nicht erfahren, wie sich alternde Leute verändern. Wer im Berufsleben als Finanzchef noch Millionen verschob, ist unter Umständen im Alter mit einfachsten Zahlungen überfordert. Ich habe das bei meinem Vater erlebt. Ältere Leute haben häufig auch dann Existenzängste, wenn diese objektiv nicht zu rechtfertigen sind.

 

In solchen Fällen nützen mathematische Formeln wenig. Kaum besser sind Beteuerungen, dass sich Finanzmärkte noch immer erholt und zu neuen Höhenflügen angesetzt haben. Viel helfen dagegen Garantien. Die Garantie, jeden Monat so und so viel Geld zu erhalten.

 

Erschienen in der BZ am 24. November 2009

Claude Chatelain