"Wir Ärzte hängen in der Luft"

Albert Weil
Albert Weil

«Wir Ärzte sind nicht richtig informiert worden. Wir hängen völlig in der Luft», kritisiert der langjährige Kinderarzt Albert Weil aus Bern. In seiner Praxis gehen wegen der Schweinegrippe tagtäglich mindestens 50 Telefonate ein – Tendenz steigend.

Herr Weil, im Baselbiet ist ein fünfmonatiges Bébé gestorben. Was ändert sich an Ihrer Einschätzung der Lage?

Alfred Weil: Nichts. Nach meinen Informationen hatte das Kind gesundheitliche Probleme und wäre vermutlich auch sonst gestorben.

 

Ist damit zu rechnen, dass noch weitere Säuglinge Opfer des Virus werden?

Keine Ahnung. Wir Ärzte sind nicht richtig informiert worden. Wir hängen völlig in der Luft. Wir müssen die Informationen den Zeitungen entnehmen. Ärzte telefonieren miteinander und tauschen sich aus.

 

Von wem hätten Sie denn mehr Informationen erwartet?

Natürlich vom Bundesamt für Gesundheit. Die Verantwortlichen sagen zwar, sie hätten informiert. Doch die Informationen sind ungenügend.

 

Befürchten Sie nun auf Grund des genannten Todesfalls einen Ansturm von Müttern und Vätern, die mit ihren Kindern bei Ihnen Schlange stehen?

Wir haben bereits jetzt tagtäglich mindestens 50 Telefonate.

 

Und diese Zahl wird jetzt noch zunehmen?

Ich befürchte es.

 

Haben Sie überhaupt genügend Impfstoff?

Das ist das andere traurige Kapitel. Jetzt endlich haben wir den Impfstoff erhalten. Für Erwachsene erhielten wir 20 Dosen. Diese kommen in Zehnerampullen daher. Man muss also innert 24 Stunden zehn erwachsene Personen aufbieten können, damit sie sich am gleichen Tag impfen lassen. Nach 24 Stunden kann man den Stoff nicht mehr verwenden. Für Kinderimpfungen erhielten wir nur zehn einzelne Fertigspritzen. Für jede weitere Menge müssen wir eine Begründung mitliefern. Sie sehen, wir sind dadurch mit unzumutbaren Arbeitsbedingungen konfrontiert.

 

Ein Mann, der sich in Zürich impfen liess, klagte über starke Gelenkschmerzen. Er konnte den Arm kaum heben. Ist das normal?

Ja, es ist mit Schwellungen, Ausschlägen, Fieber und eben Gelenkschmerzen zu rechnen. Das wird einem auch gesagt. Das trifft aber nur beim Impfstoff Pandemrix zu, der für Leute zwischen 18 und 60 Jahren verwendet wird.

 

Was ist mit Leuten über 60 Jahren?

Da hat man noch keine Erfahrungen.

 

Kinder?

Für Kinder ab sechs Monaten und schwangere Frauen haben wir den Impfstoff Focetria. Davon gibt es aber viel zu wenig. Bei diesem Impfstoff sind keine Nebenwirkungen wie beim Pandemrix zu erwarten.

 

Was raten Sie Eltern von Säuglingen unter sechs Monaten?

Dass sich Vater und Mutter impfen lassen.

 

Was ist vom dritten Impfstoff, Celtura, zu erwarten?

Davon habe ich am Dienstag in den Nachrichten erfahren. Er soll für Leute zwischen 3 und 80 Jahren verwendet werden. Doch über diesen Impfstoff wissen wir Ärzte gar nichts. Wir haben keine Unterlagen. Wir wissen nicht, wie er getestet wurde. Ich werde diesen Impfstoff vorläufig nicht benützen.

 

Bern wartet noch ab

Während andere Kantone bereits bekannt gegeben haben, dass sie den Schweinegrippe-Impfstoff an alle Impfwilligen abgeben, wartet man in Bern noch zu. «Wir legen uns noch nicht auf einen definitiven Termin für die zweite Impfphase fest», sagt Jean-Philippe Jeannerat, Stabschef der Gesundheitsdirektion des Kantons Bern. Man rechne aber damit, dass man am Freitag verbindlich sagen könne, ab wann sich

die breite Bevölkerung gegen die Schweinegrippe impfen lassen könne. Unter Umständen steht der Impfstoff ab Montag bereit. Bevor sich der Termin bestätigen lasse, müssen aber noch alle Aspekte der Logistik abgeklärt werden, erklärt Jeannerat.

 

Erschienen in der BZ am 19. November 2009


Claude Chatelain