Vierte Säule: Über Sinn und Unsinn von Pflegeversicherungen

Kürzlich fragte mich ein 60-jähriger Mann, welche Pflegekostenversicherung ich ihm empfehlen könne. Sollte er die letzten Jahre im Pflegeheim verbringen, möchte er nicht am Hungertuch nagen müssen.

Ich fragte ihn, ob er vermögend sei. Ob ihm daran liege, den Kindern ein hohes Erbe zuzuschanzen. Vermögend sei er nicht, sagte er, deshalb möchte er sich versichern lassen. Sohn und Tochter seien erwachsen, hätten eine anständige Ausbildung genossen, er selber habe damit seine Schuldigkeit getan.

Nichts ist einfacher, als dem Mann einen todsicheren Tipp zu geben: Vergessen Sie es, sagte ich ihm. Vergessen Sie die Pflegekostenversicherung. Eine solche sei höchstens dann sinnvoll, wenn habliche Leute ihr Erbe schützen möchten.

 

Das soziale Netz in der Schweiz ist derart geknüpft, dass keinerlei Anreize bestehen, eine Pflegekostenversicherung abzuschliessen. Im Gegenteil: Im Alter wird man höchstens «bestraft», wenn man den Pflegeheimaufenthalt versichert. Bestraft nicht im juristischen Sinn, aber in finanzieller Hinsicht. Pflegeheime sind derart teuer, dass das Renteneinkommen häufig nicht ausreicht. Wenn dieses nicht ausreicht, werden Ergänzungsleistungen (EL) ausbezahlt.

 

Nun, wer eine Pflegekostenversicherung abgeschlossen hat, wird also im Pflegefall von der Versicherung Geld erhalten. Dies jedoch mit dem wenig lukrativen Nebeneffekt, dass die Gelder der Pflegeversicherung für die Berechnung der EL zum übrigen Renteneinkommen geschlagen werden. So wird der Versicherte keine oder zumindest weniger EL ausbezahlt erhalten. Unter dem Strich hat der Patient gleich viel. Im einen Fall zahlt es der Staat; im anderen die Versicherung.

 

Anders verhält es sich bei vermögenden Leuten. Sie haben keinen Anspruch auf EL, solange Hunderttausende von Franken auf der hohen Kante liegen. Reiche Leute könnten also ein Interesse haben, eine Pflegekostenversicherung abzuschliessen, sofern sie der Versuchung erliegen, das Vermögen für die Nachkommen zu sichern und nicht für die Pflege einzusetzen.

 

Erschienen in der BZ am 17. November 2009

Claude Chatelain