Die neue Lokomotive ist gelb

Von der gelben Gefahr zur globalen Lokomotive. Nicht die USA ziehen den weltweiten Konjunkturmotor aus dem Sumpf, sondern das Reich der Mitte ist es, das die Funktion der Lokomotive übernommen hat.

Dass China und Indien die Länder der Zukunft sind, ist bereits bekannt. Für viele ist es aber eher überraschend, dass zumindest China schon das Land der Gegenwart ist. So ist es nämlich vor allem dem Reich der Mitte zu verdanken, dass die globale Rezession, die durch die globale Finanzkrise hervorgegangen war, weniger ausgeprägt ausgefallen ist und vor allem weniger lang gedauert hat als befürchtet.

 

«Wenn die USA husten, holt sich Europa eine Erkältung.» Dieses abgegriffene Bonmot muss neu überdacht werden. Die USA sind in der globalen Wirtschaft nicht mehr so tonangebend wie im zurückliegenden Jahrhundert. «Von der gelben Gefahr zur globalen Lokomotive», resümierte kürzlich Thomas Herrmann an einem Anlass in Bern. Herrmann ist Mitglied des Global Economics Research der Credit Suisse in Zürich.

 

Brasilien und Japan

 

Die Zugkraft Chinas zeigt sich an den Exportstatistiken aufstrebender Länder wie zum Beispiel Brasilien: Jahrelang wurde viel mehr in die USA exportiert als nach China. Dann erfolgte in der zweiten Hälfte des zurückliegenden Jahres der Absturz. Dabei nahmen die Exporte in die USA deutlich stärker ab als nach China und vor allem haben die Exporte nach China nach dem Absturz schneller und stärker wieder angezogen als die Exporte in die USA. Dies mit der Konsequenz, dass Brasilien derzeit mehr nach China exportiert als in die USA. Eine ähnliche Entwicklung ist auch in Japan zu beobachten.

 

Schubladisierte Programme

 

Mit ein Grund dieser Zugkraft liegt in den staatlichen Ankurbelungsprogrammen. Wie die westlichen Länder hat auch China zur Bewältigung der Finanzkrise milliardenschwere Konjunkturpakete geschnürt – und zwar im Umfang von 586 Milliarden Dollar. Das ist mehr als doppelt so viel wie in Japan. Nur die USA planen mit 787 Milliarden Dollar noch grössere Vorhaben .

 

Doch im Unterschied zu anderen Ländern vermochte China die Programme zum Teil bereits umzusetzen. Wie Thomas Herrmann erklärt, brauchte China nur die Schublade zu ziehen, um fixfertige Projekte umzusetzen. Denn die Programme waren schon vor der Krise vorhanden. Sie wurden damals lediglich schubladisiert, weil deren Umsetzung zum damaligen Zeitpunkt den Wirtschaftsmotor überhitzt hätte. 

 

 

China boomt, was raten Sie?

SInd chinesische Aktien scho wieder zu teuer? Ist es zu spät, im riesigen Reich der Mitte zu investieren? Wenn nein, welche Anlageinstrumente sind zu empfehlen? Die Antwort von fünf Anlagespezialisten aus dem Kanton Bern.

Markus Gosteli

AEK Bank 1826 in Thun

«In der Umfrage vom 14.Juli 2009 empfahlen wir, 50 Prozent in ETF’s China, Indien und Brasilien anzulegen. China erzielte in diesen knapp vier Monaten ein Plus von 15 Prozent, Indien legte gar 24 Prozent zu. Unsere Einschätzung geht dahin, dass die Chinesen, im Gegensatz zu den anderen Ländern, die Wirtschaftsankurbelung durch Investitionsprogramme aus der Staatskasse finanzieren konnten. Nun folgen Investitionen im Ausland durch Akquisitionen. So stellt sich die Frage, wie viele Kohlenschaufler der Lokomotive China zur Verfügung stehen. Beeindruckend ist die Dimension der Wirtschaft. Kleinere Einflüsse können grosse Wirkung erzielen. Wir sind vorsichtiger geworden und reduzieren die Hälfte des China-Engagements, sehen aber bei einer Korrektur um 10 Prozent ein erneutes Engagement.»

Raphael Schaad

Berner Kantonalbank

«China wurde von der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise nicht so schwer getroffen wie die USA oder Europa. Trotzdem hat China auf die Krise mit einer äusserst expansiven Geldpolitik reagiert. Als Folge davon gewinnt Chinas Konjunkturerholung weiter an Auftrieb. Viele chinesische Unternehmen, deren Aktien am Börsenplatz Hongkong kotiert sind, sind solide finanziert und werden die sich im Reich der Mitte bietenden Chancen nutzen können. Allerdings sind die Bewertungen an den asiatischen Börsen höher als in den meisten anderen Märkten. Wir empfehlen chinesische Aktien in der Form von Anlagefonds. Auf Grund der hohen Volatilität sind die Fonds nur für ausgesprochen risikofähige Anleger geeignet. Eine Möglichkeit wäre der HSBC Chinese Equity, ein aktiv gemanagter Fonds, der vorwiegend in grosskapitalisierte, liquide Titel investiert.»


Simon Wyss,

Privatbank von Graffenried

«Das Wirtschafts-wachstum in China wird in den nächsten Jahren überdurchschnittlich hoch bleiben. Da China voraussichtlich bereits in wenigen Jahren die USA als weltgrösste Volkswirtschaft ablösen wird, sollten chinesische Aktien in einem diversifizierten Privatkundenportfolio vertreten sein. Der Zugang zum chinesischen Kapitalmarkt bleibt aber für ausländische Investoren auf Grund der Kapitalrestriktionen nach wie vor beschränkt, und Investitionen – insbesondere in chinesische Einzeltitel – weisen ein erhöhtes Risikoprofil auf. Wir raten deshalb zum schrittweisen Einstieg mittels ETF (DB X-Trackers FTSE/Xinhua China 25, Valor 3.067.374) oder mittels Aktienfonds (Schroder China Opportunities, Valor 2.444.759).»

Ernst Schütz,

Raiffeisenbank in Worb

«Die chinesische Wirtschaft wächst bereits wieder stark. Diese überdurchschnittliche Dynamik wird auch mittelfristig anhalten. Die chinesische Börse weist damit längerfristig ein attraktives Renditepotenzial auf. Für einen langfristig orientierten Investor mit einer hohen Risikobereitschaft ist der chinesische Aktienmarkt damit interessant. Vontobel bietet hierzu zwei Möglichkeiten. Einen direkten Zugang zum chinesischen Markt ermöglicht der Vontobel Fund – China Stars Equity. Der Fonds investiert in Unternehmen aller Grössensegmente, die ihren Sitz in Festlandchina haben oder dort geschäftlich tätig sind. Ein indirekter Weg, um am Aufstieg Chinas zu partizipieren, besteht darin, auf Unternehmen, vor allem im asiatischen Raum, zu setzen, die stark auf China ausgerichtet sind. Diesen Ansatz verfolgt der Vontobel Fund – Far East Equity.»


Martin Gafner,

Valiant Privatbank

«Die chinesischen Aktienmärkte haben seit Jahresbeginn je nach Index zwischen 70 und 100 Prozent zugelegt und damit einen guten Teil der erwarteten Wirtschaftserholung bereits vorweggenommen. Längerfristig glauben wir aber an einen weiteren Aufschwung, insbesondere wird China hier eine Leaderrolle einnehmen. Privatanlegern raten wir, Anlagen in China über Kollektivanlagen zu tätigen. Dies kann entweder über den aktiv gemanagten Fidelity China Focus Fund oder über den ETF iShares FTSE/Xinhua China 25 geschehen. Einzeltitel empfehlen wir nicht. Von der sich weiter abzeichnenden Stabilisierung der Weltwirtschaft sollten auch die Rohstoffe profitieren. Hier bietet der Picard Angst All Commodity Tracker Plus eine interessante Investitionsmöglichkeit. Er ist gegen den Schweizer Franken abgesichert.» 

 

Erschienen in der BZ am 17. November 2009

Claude Chatelain