So könnte die Medikantenabgabe durch Ärzte eingeschränkt werden

Jürg Schlup, Präsident der Ärztegesellschaft des Kantons Bern.
Jürg Schlup, Präsident der Ärztegesellschaft des Kantons Bern.

Wie soll die Medikamentenabgabe durch Ärzte geregelt werden? Der in dieser Zeitung publizierte Vorschlag von Jürg Schlup und Peter Fischer findet Gefallen von rechts bis links. Und doch könnte er an Details scheitern.

Peter Fischer, CEO der Krankenkasse Visana
Peter Fischer, CEO der Krankenkasse Visana

Was sagen Gesundheitspolitiker zum Vorschlag von Peter Fischer und Jürg Schlup? Peter Fischer ist CEO der Krankenkasse Visana, und Jürg Schlup ist Präsident der Ärztegesellschaft des Kantons Bern. Beide haben sie gemeinsam zwei konkrete Vorschläge zur Medikamentenabgabe durch Ärzte in die Runde geworfen (Ausgabe vom Samstag).

 

Die angefragten Politiker, Interessenvertreter und Gesundheitsexperten finden zumindest Variante eins (Kasten) prüfenswert bis sehr gut. «Wenn der Krankenkassenverband einverstanden ist, im Gegenzug den Tarif anzupassen, finde ich das eine interessante Lösung», meint Jacques de Haller. So ist der FMH-Präsident froh, dass mit Peter Fischer auch ein Vorstandsmitglied von Santésuisse hinter dieser Lösung steht. Allerdings sollte gemäss de Haller der Taxpunktwert des Ärztetarifs Tarmed nicht nur bei den Grundversorgern, sondern wie in den anderen Kantonen bei allen Ärzten angepasst werden.

 

Krankenkassen blocken

 

Ist der Krankenkassenverband bereit, den Taxpunktwert anzupassen? «In gewissen Extremfällen ja, aber nicht flächendeckend», sagt Felix Schneuwly von Santésuisse. «Es kann doch nicht sein, dass in Zeiten stark steigender Krankenkassenprämien eine Berufsgruppe mit einem durchschnittlichen Jahressalär von 300000 Franken kommt und sagt: ‹Wir wollen keine Abstriche machen›.»

 

Einig von links bis rechts

 

Für die Nationalräte Jürg Stahl (SVP, ZH), Präsident der Gesundheitskommission, Ruth Humbel (CVP, AG) und Jacqueline Fehr (SP, ZH) wäre Variante eins ein «gangbarer Weg», sodass von links bis rechts Einigkeit herrschte. Für Markus Moser, eigentlicher Vater des Krankenversicherungsgesetzes (KVG), ist mit der Abgeltung der Lagerhaltungskosten das Problem nicht gelöst. «Das Problem liegt bei den Rabatten, welche die Ärzte von den Pharmafirmen erhalten.» Da müsste man eine griffige Lösung finden. So oder so: Wenn sich Santésuisse weigert, den Taxpunktwert anzupassen, ist der Idee von Fischer und Schlup nicht Genüge getan und das Veto der FMH gewiss.

SVP-Nationalrat Jürg Stahl will das Krankenkassenwesen nicht noch komplizierter machen.
SVP-Nationalrat Jürg Stahl will das Krankenkassenwesen nicht noch komplizierter machen.

Während Variante eins von der SVP bis zur SP wohlwollend beurteilt wird, findet die zweite Variante (Kasten) kaum Gefallen. «Wir müssen das Gesundheitswesen vereinfachen, nicht noch komplizierter machen», meint Jürg Stahl.

 

Apotheker? Keine Meinung

 

Laut Jacqueline Fehr werden nur noch wenige Ärztinnen und Ärzte selber dispensieren wollen, wenn sämtliche monetären Anreize wegfallen. «Sie wissen, dass sie kaum den Überblick über alle Produkte haben können und dass dieses Feld von den Apotheken besser betreut werden kann.»

 

Das Stichwort ist gegeben: Was meinen eigentlich die Apotheker dazu? «Die Antwort ist relativ einfach und eben komplex zugleich. Wir möchten die Zahlenangaben schon etwas genauer anschauen», schrieb Anfang Woche Marcel Wyler, Marketingverantwortlicher von Pharmasuisse. Der Verband der Apotheker hat es somit in vier Arbeitstagen nicht geschafft, zum Thema Selbstdispensation seinen Standpunkt darzulegen. 

Infothek: Zwei Varianten

Jürg Schlup, Präsident der Ärztegesellschaft des Kantons Bern, und Peter Fischer, CEO der Krankenkasse Visana, haben am Samstag in dieser Zeitung zwei Varianten für die umstrittene Medikamentenabgabe durch Ärzte präsentiert.

 

Variante 1: Die Ärzte mit Selbstdispensation werden nur noch für die Lagerhaltungskosten der Medikamente entschädigt und können mit der Medikamentenabgabe keine zusätzlichen Einnahmen generieren. Damit ist sichergestellt, dass nicht aus ökonomischen Überlegungen mehr Medikamente als nötig abgegeben werden. Der Einkommensausfall der selbst dispensierenden Ärzte soll durch einen höheren Taxpunktwert im

Rahmen der Grundversorgung ausgeglichen werden. Die den Ärzten entgangenen Einnahmen werden kostenneutral über den Taxpunktwert rückvergütet. Denn der Hausarzt auf dem Land soll am Ende nicht weniger als heute verdienen.

 

Variante 2: Die Ärzte entscheiden selber, ob sie selbst dispensieren wollen oder nicht. Für Ärzte, die selber Medikamente abgeben, gilt ein tieferer Taxpunktwert als für Ärzte ohne Selbstdispensation. Auch diese Variante ist ein Nullsummenspiel, welche sich kostenneutral umsetzen lässt.

 

Erschienen in der BZ am 30. Oktober 2009


Claude Chatelain