Neue Spitalabteilung mit Fragezeichen

Das Spital Münsingen investiert 2 Millionen für die neue Abteilung Sportorthopädie.
Das Spital Münsingen investiert 2 Millionen für die neue Abteilung Sportorthopädie.

Im Kanton Bern besteht ein Überangebot an Spitalleistungen. Das hindert die Spital Netz Bern nicht daran, in Münsingen eine Abteilung für Sportorthopädie zu eröffnen. Ein Ausbau, der nicht überall auf Begeisterung stösst.

2 Millionen Franken will die Spital Netz Bern AG (SNB) in Münsingen für den Aufbau einer Abteilung für Sportorthopädie investieren. Das erklärte Reto Flück von der Geschäftsleitung. (Ausgabe vom 18.September 2009). Diese Meldung sorgte in der Branche für Stirnrunzeln. Insbesondere auch deshalb, weil der Regierungsrat als Folge des Überangebots an Leistungen den Spitälern eine Mengenbeschränkung auferlegen will. Danach könnte ein Spital nur eine klar begrenzte Zahl von medizinischen Eingriffen über die Grundversicherung abrechnen.

 

«In der heutigen Situation der Prämienerhöhungen, Spitallisten und Mengenbeschränkungen ist der Aufbau von zusätzlichen Strukturen das falsche Signal», sagt Beat Straubhaar, Präsident von «diespitäler.be», der Vereinigung der öffentlich-rechtlichen Spitäler im Kanton Bern.

 

Neue Arztpraxis

 

Warum gerade Sportorthopädie? «Die Sportorthopädie ergänzt im Rahmen der allgemeinen Strategie des SNB das bestehende orthopädische Angebot in Münsingen in idealer Weise», so die schriftliche Antwort der Spital Netz Bern. Die bestehende orthopädische Abteilung biete zu wenig Raum für das neue Angebot und für die neue Arztpraxis.

 

Die neue Arztpraxis ist für den bekannten Orthopäden Ottmar Gorschewsky gedacht. Gemäss seinem Lebenslauf war er Chefarzt in der Hirslandenklinik Permanence und Chefarzt in der Klinik Sonnenhof in Bern. Wie jedoch Spitaldirektor Peter Kappert erklärt, war er im Sonnenhof ein Belegarzt und kein Chefarzt. Er hatte keine anderen Ärzte unter sich.

 

Kräfte bündeln

 

So fragen sich Beobachter, weshalb die in öffentlicher Hand befindliche Spital Netz Bern AG kaum fünfzehn Kilometer vom Ziegler Spital entfernt einen weiteren Schwerpunkt in Orthopädie setzt. Dabei hatte doch die Spitalgruppe erklärt, ihre Kräfte zu konzentrieren. Die offizielle Antwort: «Die Spital Netz Bern AG bündelt ihre Kräfte: Für den Fachbereich Orthopädie sind es die Standorte Aarberg, Münsingen und Ziegler. Jede der drei orthopädischen Abteilungen setzt wiederum fachlich unterschiedliche Schwerpunkte und hat ihre Spezialitäten.»

 

Was meint Professor Nötzli?

 

Freilich muss man wissen, dass im Zieglerspital mit Professor Hubert Nötzli ein weitherum bekannter und anerkannter Orthopäde als Chefarzt tätig ist. Was Hubert Nötzli ob dieser internen Verzettelung denkt, konnte der Chefarzt gestern wegen Abwesenheit nicht beantworten. Aus seinem Umfeld ist jedoch zu erfahren, dass er darüber alles andere als erfreut ist.

 

Wie berichtet, müssen wegen der neuen Abteilung acht Pflegefachfrauen entlassen werden. Dies, weil die neue Abteilung Fachkräfte mit anderen Qualifikationen nötig habe. Ist es wirklich so, dass Pflegefachfrauen unterschiedlicher medizinischer Ausrichtung unterschiedliche Qualifikationen mitbringen müssen? Die offizielle Stellungnahme: «Für die neue Abteilung sind Fachkräfte gesucht, welche spezifische Erfahrungen in der Sportorthopädie mitbringen. Die von der Umstrukturierung betroffenen Pflegefachfrauen haben alle diverse Stellenangebote erhalten, und zwar – wie in den Anstellungsverträgen vorgesehen – innerhalb des SNB, aber auch ausserhalb.»

 

Übrigens:  Sportorthopädie gibt es in der Schweiz eigentlich nicht. «Es gibt entweder Sportmedizin oder Orthopädie», bestätigt ein bekannter Orthopäde, der sich im Zusammenhang mit dem Spital Münsingen nicht zitieren lassen will. Sportorthopädie wäre demnach als Marketingbegriff zu verstehen.

 

Erschienen in der BZ am 24. Oktober 2009

Claude Chatelain