Vierte Säule: Zum zyklischen Anlageverhalten der Pensionskassen

Liebe Leser, hoffentlich machen Sie es besser als die Pensionskassen. Hoffentlich kaufen Sie dann Aktien, wenn die Kurse tief sind. Die Pensionskassenmanager könnten von Ihnen lernen.

Wie man in dieser Zeitung lesen konnte, lag der durchschnittliche Aktienanteil der Pensionskassen Ende 2008 bei 21,6 Prozent, rekordverdächtig tief. Dabei steckten doch die Börsen in einer starken Baisse. Wie man weiss, besagt eine Börsenregel: «Kaufe in der Baisse; verkaufe in der Hausse». Man braucht kein Hochschulstudium, um diese Regel zu verstehen.

 

Ich will den Pensionskassen nicht unterstellen, die Aktien in der Baisse verkauft zu haben. Die tiefe Aktienquote ist vorab auf die tiefere Bewertung der Aktien zurückzuführen. Ich will aber den Pensionskassen unterstellen, es unterlassen zu haben, in der Baisse Aktien gekauft und damit die Aktienquote hochgeschraubt zu haben. Damit haben sie nämlich die zurückliegende Börsenrallye verpasst und sind erst wieder eingestiegen, als die Aktien kurse höher waren.

 

Dieses prozyklische Anlageverhalten ist bei Pensionskassen nicht nur auf den Herdentrieb zurückzuführen, sondern mehrheitlich systembedingt: Pensionskassen müssen in Baisseperioden den Aktienanteil tief halten. Denn eine Baisse schlägt sich unweigerlich in einem tieferen Deckungsgrad nieder. Je tiefer der Deckungsgrad, desto geringer die Risikofähigkeit. Und wenn die Risikofähigkeit gering ist, muss man laut Lehrbuch und nach den Vorgaben der Aufsichtsämter einen tiefen Aktienanteil vorweisen.

 

Das ist auch das Dilemma von Kassen mit einer finanziellen Unterdeckung. Weil sie nicht risikofähig sind, dürften sie kaum Aktien halten. Wer aber keine Aktien hält, wird die erforderlichen Renditen nie erreichen.

 

Glücklich sind Sie, liebe Leser, die sich im Unterschied zu den Pensionskassen nicht an solche Regeln halten müssen. Aber jetzt doch noch eine Frage an Sie: Haben Sie die Aktienrallye auch verpasst? Selber schuld. Am 3.Februar 2009 konnten Sie in dieser Zeitung den Titel lesen: «Aktien kaufen – jetzt erst recht». Über den Autor jener Zeilen schweige ich mich aus. Das wäre doch zu viel des Eigenlobs.

 

Erschienen in der BZ am 29. September 2009

Claude Chatelain