Erwerbsunfähigkeit: Tiefere Prämien in Sicht

Auch Ofenbauer und Plättlileger können auf tiefere Prämien hoffen.
Auch Ofenbauer und Plättlileger können auf tiefere Prämien hoffen.

Die Erwerbsunfähigkeits-Versicherungen dürften eher wieder günstiger werden – dank einer rigoroseren Rechtsprechung.

 

Versicherungen gegen Erwerbsunfähigkeit gehörten in den vergangenen Jahren zu den Sorgenkindern der Versicherer. Sorgen bereiteten ihnen die steigenden Kosten. Als Reaktion darauf erhöhten sie die Prämien und reduzierten Leistungen. So schafften sie die Prämiengarantie ab. Das heisst, wer eine mehrjährige Erwerbsunfähigkeitsversicherung abschliesst, muss noch während der Vertragsdauer mit Prämienaufschlägen rechnen.

Hartnäckige Anwälte

 

Die Schuld am horrenden Kostenwachstum schoben die Versicherer den Anwälten in die Schuhe. Ihnen war es gelungen, für Klienten mit Verstauchungen der Halswirbelsäule (HWS) eine Rente zu erwirken. Doch mittlerweile hat sich einiges geändert: Die Bundesrichter haben ein Machtwort gesprochen und Schleudertrauma-Patienten erhalten kaum mehr eine Rente. 2004 hatten 547 HWS-Patienten eine Unfallrente zugesprochen erhalten. 2007 waren es nur noch 256 Personen, obschon die Zahl der registrierten HWS-Fälle seit Jahren stagniert.

 

Somit müssten die Kosten wieder im Lot sein, und die Versicherer könnten die Prämien wieder auf ein vernünftiges Mass reduzieren. Tun sie es auch? «Uns ist nicht bekannt, dass die Prämien wieder nach unten korrigiert worden wären», sagt Stefan Thurnherr vom VZ VermögensZentrum in Zürich.

 

Die Versicherer haben eine andere Wahrnehmung: «Die Mobiliar hat in den letzten vier Jahren die Prämien für die Erwerbsunfähigkeitsversicherungen zweimal senken können», meint Rudolf Schnider. Auch Basler und Allianz Suisse sagen, sie hätten Tarifanpassungen nach unten vorgenommen.

 

Die Aussagen lassen sich kaum überprüfen, weil die Versicherer in den vergangenen Jahren dazu übergegangen sind, auch in der Einzelversicherung berufsabhängige Prämien zu kalkulieren. Der Prämienvergleich vom Vergleichsdienst Info4insider aus dem Jahr 2003 galt für alle 40-jährigen Männer. Der aktuelle Vergleich  gilt indessen nur für kaufmännische Angestellte, sodass sich die heutigen Prämien mit den Prämien der Jahre 2004 oder 2005 nicht vergleichen lassen. Wie in diesen Spalten beschrieben, zahlt zum Beispiel bei Nationale Suisse ein Plattenleger eine um 130 Prozent höhere Prämie als der protestantische Pfarrer (Ausgabe vom 12.Mai 2009). Kommt hinzu, dass auch Raucher zum Teil deutlich höhere Prämien zahlen als Nichtraucher.

 

Immerhin: In den zurückliegenden vier Monaten haben namentlich Allianz Suisse und Nationale Suisse ihre Prämien zum Teil deutlich gesenkt – zumindest für kaufmännische Angestellte.

 

Keine Garantie, tiefe Prämie

 

Allein die Tatsache, dass die Prämien nicht mehr für die gesamte Laufzeit garantiert sind, sollte eigentlich für tiefere Prämien sprechen. Stefan Walther von Info4insider sagt es so: «Früher mussten die Gesellschaften die Tarife über die gesamte Vertragslaufzeit garantieren und konnten nur über die Überschussanteile Korrekturen vornehmen. Heute können fast alle Gesellschaften den Tarif problemlos während der Vertragslaufzeit anpassen. Theoretisch führt dies automatisch zu günstigeren Tarifen, da die Gesellschaften weniger vorsichtig tarifieren müssen.»

 

Erwerbsunfähigkeitsversicherungen brauchen vor allem solche Leute, welche keine Pensionskasse haben oder über ihre Pensionskasse unzureichend gegen Erwerbsunfähigkeit versichert sind.

 

Erschienen in der BZ am 29. September 2009

Claude Chatelain