«Wieder tiefere Prämien ab 2012»

Christoph Bangerter: "Wir haben ganz einfach zu viele Spitalbetten im Kanton, vor allem in der Agglomeration Bern."
Christoph Bangerter: "Wir haben ganz einfach zu viele Spitalbetten im Kanton, vor allem in der Agglomeration Bern."

Ab 2012 werden im Kanton Bern die Krankenkassenprämien eher wieder sinken, sagt Christoph Bangerter, Chef der KPT. Der Grund liegt darin, dass der Kanton neu auch die Privatspitäler mitfinanzieren muss.

 

 

Herr Bangerter, in einem Satz: Warum sind im Kanton Bern die Krankenkassenprämien überdurchschnittlich hoch?

Christoph Bangerter: Weil die Spitalplanung im Kanton Bern noch nicht geregelt ist, namentlich auf dem Platz Bern.

 

Was meinen Sie damit?

Praktisch alle Spitäler im Kanton Bern befinden sich auf der Spitalliste. Das heisst, all diese Spitäler dürfen ihre Leistungen zu Lasten der obligatorischen Krankenversicherung abrechnen.

 

Hat nicht der Kanton bei der Einführung des Spitalversorgungsgesetzes Planungsgrundlagen bekannt gegeben?

Das Gesetz ist Anfang 2006 in Kraft getreten. Seither ist aber bezüglich Spitalliste und Bedarfsabklärung wenig passiert. Der Ist-Zustand ist weit vom damals für 2010 anvisierten Soll-Zustand entfernt. Wir haben in der Spitalplanung einen sehr grossen, aufgeschobenen Handlungsbedarf.

 

Liegt das Problem nicht auch darin, dass wir im Kanton Bern überdurchschnittlich viele Betten in Privatspitälern haben?

Ob öffentliches oder privates Spital ist nicht der zentrale Punkt. Wir haben ganz einfach zu viele Spitalbetten im Kanton – und vor allem in der Agglomeration Bern.

 

Sind nicht die Privatspitäler teurer als die öffentlichen?

Man muss unterscheiden zwischen Kosten und Finanzierung. Beispiel: Ein Standardfall kostet im öffentlichen Spital 10000 Franken. An diese Kosten steuert die Kasse rund 4800 Franken bei, der Rest wird über den Kanton finanziert. Der gleiche Standardfall kostet im privaten Listenspital 11000 bis 12000 Franken, also 10 bis 20 Prozent mehr. Die Grundversicherung muss aber hier den vollen Betrag übernehmen. Das bedeutet, dass eine Hospitalisation im Privatspital die Grundversicherung mehr als doppelt so stark belastet wie eine Hospitalisation in einem öffentlichen Spital, obwohl der effektive Kostenunterschied «nur» 10 bis 20 Prozent beträgt.

 

Eben, somit kommen die Privatspitäler den Prämienzahler teurer zu stehen.

Ja, aber nicht so sehr, weil sie teurer sind, sondern weil die Kassen heute die gesamten Kosten übernehmen müssen.

+Je mehr Betten, desto grösser die Produktion. Die Spitäler im Kanton Bern sind gut ausgelastet", sagt KPT-Chef Christoph Bangerter.
+Je mehr Betten, desto grösser die Produktion. Die Spitäler im Kanton Bern sind gut ausgelastet", sagt KPT-Chef Christoph Bangerter.

 

Ab 2012 wird ja die Finanzierung einheitlich sein. Heisst das: tiefere Prämien?

Ja, zumindest im Kanton Bern. Dann wird der Kanton auch in den Privatspitälern mindestens 55 Prozent der anrechenbaren Kosten, den Sockelbetrag, übernehmen. So werden wir einerseits eine Verlagerung vom Prämien- zum Steuerzahler haben. Anderseits erwarten wir generell eine Verlagerung der Leistungen vom stationären in den ambulanten Bereich. Die Kassen werden dadurch zusätzlich belastet, weil ambulant die Finanzierung allein über die Prämie erfolgt.

 

Der Berner Gesundheitsdirektor Philippe Perrenoud rechnet für den Kanton mit Mehrausgaben von 250 bis 300 Millionen Franken. Realistisch?

Nein, es werden nach unseren Berechnungen ab 2012 insgesamt mehr als 400 Millionen Franken jährlich sein, die dem Kanton Bern neu an Mehrkosten aus Sockelbeitrag und Leistungsverträgen entstehen, wenn auf der Spitalliste keine Spitäler gestrichen werden oder die Bettenzahl sonst wie reduziert wird.

 

Sie sagen: Je mehr Spitäler, desto höher die Prämien. Warum eigentlich? Die Kassen zahlen ja nichts für leere Betten.  

Je mehr Betten, desto grösser die Produktion. Die Spitäler im Kanton Bern sind gut ausgelastet.

 

Wollen Sie damit sagen, das Angebot bestimmt die Nachfrage?

Ja, davon gehe ich aus, zumindest gibt es sehr grosse Unterschiede im Konsum von Spitalleistungen, die ich mir rein medizinisch nicht erklären kann.

 

Wollen Sie damit auch sagen, dass Berner Patienten unnötig lange im Spital bleiben dürfen?

Nicht unbedingt zu lange, aber vergleichsweise zu oft und zu aufwändig. Wir stellen ganz einfach fest, dass die Kosten pro Versicherten für die stationäre Versorgung im Kanton Bern wesentlich höher sind als in der übrigen Schweiz.

 

Liegt das Problem nicht auch darin, dass wir im Kanton Bern eine hohe Dichte an Spezialärzten haben?

Das ist eine schwierige Frage. Richtig ist, dass private Belegarztspitäler eine andere Kostenstruktur aufweisen als öffentliche Spitäler, bei welchen Ärzte mehrheitlich angestellt sind. Ich kann Ihnen aber nicht sagen, ob wir in der Agglomeration Bern wirklich überdurchschnittlich viele Spezialärzte haben.

 

 

ZUR PERSON: Christoph Bangerter

Christoph Bangerter ist seit Juni 2008 Vorsitzender der Geschäftsleitung der KPT-Gruppe. Vorher war der promovierte Arzt im Management der Galenica-Gruppe tätig, zuletzt als Geschäftsleiter zweier Medizininformatikfirmen. Von 1985 bis 2000 war der

Vater dreier Kinder selbstständig praktizierender Hausarzt in Sigriswil.

 

Erschienen in der BZ am 26. Oktober 2009


Claude Chatelain