Ambulant und trotzdem teuer

Hierlang gehts zu den grössten Kostentreibern im Gesundheistwesen.
Hierlang gehts zu den grössten Kostentreibern im Gesundheistwesen.

Die ambulanten Spitalkosten sind und bleiben die grössten Kostentreiber im schweizerischen Gesundheitswesen. Der Grund liegt unter anderem in der Finanzierung und den damit einhergehenden falschen Anreizen.

Spital stationär, Arztbehandlungen, Spital ambulant – dies sind die drei grössten Kostenblöcke im Gesundheitswesen. Was jedoch mehr zu denken gibt, sind die Kostentreiber. Also jene Bereiche, die die höchsten Kostenzunahmen verzeichnen. Und das waren 2008 wie schon im Jahr zuvor die ambulanten Spitalleistungen. Sie verzeichneten 2008 eine Pro-Kopf-Zunahme von 12,7 Prozent. Dieser Wert übertrifft sogar den langjährigen Durchschnitt von 9 Prozent. Selbst in absoluten Zahlen liegt der Kostenzuwachs der ambulanten Spitalbehandlungen mit plus 446 Millionen Franken an der Spitze. Die stationären Spitalbehandlungen, obschon insgesamt auf einem weit höheren Kostenniveau, verzeichneten 2008 mit plus 266 Millionen Franken einen geringeren Kostenschub. Die Zahlen stammen vom Krankenkassenverband Santésuisse.

 

Ambulant statt stationär?


Auf den ersten Blick birgt diese Entwicklung auch Positives: Man könnte daraus eine Verlagerung von stationären in ambulante Spitalbehandlungen ableiten. Dies dürfte in der Tat bis zu einem gewissen Grad auch zutreffen. Allerdings wird die Euphorie gedämpft, wenn man bedenkt, dass die stationären Spitalkosten trotzdem weiterhin munter wachsen und im zurückliegenden Jahr die Grundversicherung um zusätzliche 266 Millionen Franken belasteten. Zudem ist zu befürchten, dass auch eine Verlagerung von den Hausärzten zu den Spitalambulatorien erfolgt, was keineswegs wünschbar ist. Für Santésuisse ist noch nicht klar, ob die Mengenausweitung in der ambulanten Spitalversorgung auf die erwünschte Verlagerung von den stationären Behandlungen oder auf die unerwünschte Verlagerung von den Hausärzten zurückzuführen ist.

Claude Ruey: "Spitäler haben falsche Anreize".
Claude Ruey: "Spitäler haben falsche Anreize".

 

Falsche Anreize

 

Somit ist schwierig einzuschätzen, wie die aus dem Ruder laufenden Kosten der ambulanten Spitalbehandlungen zu bekämpfen sind. Gemäss Santésuisse-Präsident und Nationalrat Claude Ruey (FDP, VD) liegt ein Grund dieses Kostenwachstums in falschen Anreizen. Während nämlich die Kantone 55 Prozent der stationären Spitalkosten mit Steuergeldern finanzieren müssen, zahlen sie bei den ambulanten Spitalbehandlungen nichts. Diese Kosten zahlen die Krankenkassen und damit der Prämienzahler vollumfänglich. Die Kantone als Inhaber der Spitäler verspüren demnach laut Ruey über keinerlei Anreize, die Kostensteigerungen bei den ambulanten Spitalbehandlungen zu dämpfen. Mehr noch: Sie haben sogar Interesse an einer möglichst hohen Auslastung der Spitalambulatorien. Damit zahlt der Prämienzahler an die Infrastrukturkosten.

Heinz Locher: "Krankenkassen haben falsche Anreize".
Heinz Locher: "Krankenkassen haben falsche Anreize".

 

Stationär statt ambulant?


Wie jedoch der Berner Gesundheitsökonomen Heinz Locher erklärt, verspürten auch die Krankenkassen keinerlei Anreize, gegen die Kostensteigerungen der ambulanten Spitalbehandlungen anzukämpfen. Auch dies wegen der unterschiedlichen Finanzierung. Während, wie gesagt, die Krankenkassen ambulante Spitalbehandlungen vollumfänglich zu tragen haben, teilen sie die Kosten bei der stationären Behandlung mit dem Kanton. Unter Umständen kommt also für die Krankenkasse die stationäre Behandlung günstiger zu stehen als die ambulante.

 

Sollte demnach der Kanton nicht nur die stationären, sondern auch die ambulanten Spitalbehandlungen mitfinanzieren? «Nein, auf keinen Fall», sagt Locher. Er findet es so oder so falsch, dass der Kanton als Besitzer von Spitälern gleichzeitig einen Teil der Spitalbehandlungen bezahlt. Eine saubere Lösung wäre dagegen, die Krankenkassen würden nicht nur die gesamten ambulanten, sondern auch die stationären Spitalkosten übernehmen. Ein Finanzierungsmodus, den auch Santésuisse bevorzugt, wie Sprecher Felix Schneuwly bestätigt. Damit würden die Mehrfachkontrollen der Kantone beseitigt.

 

Würde der Kanton auch die Spitalambulatorien mitfinanzieren, wäre das laut Locher auch gegenüber den Ärzten ungerecht. Schliesslich stünden Spitalambulatorien in Konkurrenz zu den Hausärzten. «Viele Leute gehen in den Spitalnotfall, weil sie keinen Hausarzt haben oder weil sie aus kulturellen Gründen nichts anderes kennen. Das ist eine unerfreuliche Entwicklung», sagt Locher. Abhilfe schaffen könnte man dadurch, indem die Anreize für ambulante Spitalbehandlungen bekämpft würden. Doch wie gesagt: Weder die Spitäler, noch die Kantone noch die Krankenkassen haben ein ureigenes Interesse daran.

 

 

Statistik: 48 Franken pro Sekunde

2008 sind laut Santésuisse die Bruttokosten in der Grundversicherung pro versicherte Person um 5,4 Prozent gestiegen. Da gleichzeitig die Anzahl der Versicherten um 1,1 Prozent zugenommen hat, sind die Gesamtkosten zu Lasten der obligatorischen Grundversicherung um 6,5 Prozent bzw. um fast 1,5 Milliarden Franken angewachsen. Damit haben die Gesamtkosten den stolzen Wert von 23,5 Milliarden

Franken erreicht. Im vergangenen Jahr haben damit die Kosten um 4,1 Millionen Franken pro Tag oder rund 48 Franken pro Sekunde zugenommen. Dies gilt, wie gesagt, nur für die Grundversicherung. Franchisen, Selbstbehalte und die Kosten für Zusatzversicherungen sind in diesen Werten nicht enthalten.

 

Erschienen in der BZ am 23. September 2009


Claude Chatelain